Nordbayerischer Kurier Weihnachten 1997
 

Qualitätssprung Mathematik

Interview mit Professor Peter Baptist: Mehr Freiräume im Unterricht verwirklichen

Einen "aktiv entdeckenden Mathematikunterricht" mit Anleitung und Gelegenheit zum selbständigen Arbeiten hält der Bayreuther Mathematik-Didaktiker Professor Peter Baptist als Reaktion auf eine internationale Studie (TlMSS-Studie) für notwendig, nach der die Schüler in Deutschland bei den Mathematikkenntnissen im internationalen Vergleich nur einen Mittelplatz einnehmen. Die Studie müsse als Anstoß empfunden werden, um einen "Qualitätssprung Mathematik" auf den Weg zu bringen.

    Professor Baptist, kürzlich erregte eine internationale  Studie, die "Third International Mathematics and Science Study" (TIMSS), Aufsehen, nach der die Schüler in Deutschland bei den Mathematikkenntnissen im internationalen Vergleich einen Mittelplatz einnehmen. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe hierfür?

    Baptist: Gründe so ohne weiteres auf den Punkt zu bringen, ist ziemlich schwierig. Das gesellschaftliche Klima mag eine Ursache sein, da Unkenntnis in Mathematik in Deutschland eher als Zierde denn als Makel angesehen wird. Ferner ist zu beobachten, daß die Lern- und Leistungsbereitschaft nicht mehr so ausgeprägt ist.
Sicherlich muß auch die Art und Weise, wie Mathematik unterrichtet wird überdacht werden Nach TIMSS kamen die deutsche  Schuler beim Lösen von Routineaufgaben ganz gut zurecht, aber sobald es um Verständnisfragen ging, schnitten sie ziemlich schlecht ab.
Dies bestätigt meinen Eindruck, daß in unserem Mathematikunterricht zu sehr reproduktives, rezeptives und sogar schablonenhaftes Denken gepflegt wird. Anleitung und Gelegenheit zum selbständigen Arbeiten, zum aktiventdeckenden Lernen erhalten unsere Schüler verhältnismäßig selten.

    Heißt das, daß man die Lehrerbildung verbessern, verandern muß?

    Baptist: In Bayreuth bilden wir die zukünftigen Mathematiklehrerinnen und -lehrer unter den genannten Gesichtspunkten aus. Auch in der Lehrerfortbildung arbeiten wir in diesem Sinn.
Dazu gehört auch, Mathematik als integralen Bestandteil unserer Kulturgeschichte erleben zu lassen und an mathematischen Themen das Lernen zu lehren. Ändern müssen wir meines
Erachtens die Situation in den Schulen, damit aktiv-entdeckender Unterricht besser verwirklicht werden kann. Dazu brauchen wir unter anderem vernünftige Klassengrößen eine teilweise Reduzierung der schriftlichen Leistungsnachweise, ein stärkeres Zusammenarbeiten der Lehrkräfte und die Unterstützung der Eltern.

    Also nach Ihrer Auffassung geht es darum, in der Schule selbst anzusetzen und dort organisatorische Verbesserungen vorzunehmen, die dann auch dem Unterricht zugute kommen?

    Baptist: Das ist richtig. Wenn wir zum Beispiel den so hochgelobten japanischen Mathematikunterricht ansehen, dann stellen wir fest, daß dort kein anderer Stoff als bei uns unterrichtet wird, aber die Vorgehensweise unterscheidet sich.
Bei uns hetzen Lehrer oftmals von einem Schulaufgabentermin zum nächsten, führen die Schüler in kleinen, wohlüberlegten Schritten zum Ziel und lassen ihnen somit kaum Spielraum für eigene Gedanken. Natürlich gibt es auch viele Lehrkräfte, die mit dieser Situation nicht zufrieden sind, die sich selbst unterrichtliche Freiräume schaffen. Diese Bemühungen müssen wir nachhaltig unterstützen und fördern.
Gefordert ist auch die Schulaufsicht die mehr im positiven Sinn in Erscheinung treten sollte, indem sie ihren Beratungscharakter verstärkt wahrnimmt.

    Das bayerische Kultusministerium hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt und Sie als einzigen Hochschullehrer in diese Gruppe berufen. Die soll nun Vorschläge erarbeiten. Wie werden die lauten?

    Baptist: TIMSS wird als Anstoß empfunden, um einen "Qualitätssprung Mathematik" auf den Weg zu bringen.
Dazu erarbeiten wir ein Paket von Maßnahmen mit dem Ziel, die Motivation und das Ansehen der Lehrkräfte zu verbessern sowie die Schul- und Unterrichtsqualität allgemein und insbesondere im Fach Mathematik anzuheben. Einige Punkte habe ich bereits angesprochen, auch die Lehrerausbildung und eine engere Verzahnung ihrer einzelnen Phasen sind in der Diskussion. Von zentraler Bedeutung ist natürlich, daß wir die Lehrkräfte von unseren Ideen überzeugen und dafür gewinnen können.
Zwei Neuerungen mochte ich hier gesondert ansprechen: einen Landeswettbewerb Mathematik für die Mittelstufe und ein - zunächst freiwilliges - Evaluierungsverfahren, das je nach Schulart zu Beginn der neunten beziehungsweise siebten Jahrgangsstufe stattfinden soll.

    Wird das benotet? 

    Baptist: Die Evaluierung geht nicht in die Benotung der Schüler ein. Für den Zeitpunkt zu Beginn des Schuljahres habe ich mich sehr eingesetzt, um die Versuchung nicht aufkommen zu lassen, den Unterricht auf die Evaluation auszurichten und dadurch eigentliche Ziele, wie zum Beispiel das mathematische Verständnis, zu vernachlässigen.

    Welche Auswirkungen hat das Verfahren für die Schulen?

    Baptist: Es ist daran gedacht, daß die Evalution mit dazu beiträgt die Qualtiät des Unterrichts in Mathematik im gegenseitigen Vergleich der Schulen festzustellen.
Als Motivation für die Teilnahme werden zusätzliche Sachmittel und/oder zusätzliche Wahlunterrichtskontingente für erfolgreiche Schulen erwogen. Gleiches gilt für die am Landeswettbewerb Mathematik teilnehmenden Schulen

    Glauben Sie, daß die Vorschläge der Arbeitsgruppe beim Kultusministerium Gehör finden werden?

    Baptist: Ich denke schon, denn die deutschen Ergebnisse vom TIMSS haben auch einige Politiker, sogar bis in die Staatskanzlei hinein, aufgeschreckt. Es besteht somit große Hoffnung, daß die Arbeitsgruppe Gehör findet.
Man mag über TIMSS denken wie man will, die Studie hat in meinen Augen schon viel bewirkt. Diesmal wird nicht nur über Mathematikunterricht oder Schule geredet, sondern es besteht auch die Bereitschaft, daß gehandelt wird.
Dies betrifft auch die Ausbildung an der Universität und insbesondere die Leherfortbildung.