"Man hat in einer Kantonirung oder Winterpostirung drei Posten A, B, C, welche die Lage eines spitzwinkligen Triangels bestimmen; man will zur Sicherung der Kommunikation zwischen diesen Posten noch einen vierten Posten oder ein Piket irgendwo in D so stellen, daß die dahin führenden Kommunikationswege AD, BD und CD zusammen genommen die möglichst kleinen werden, wodurch nicht allein Zeit und Arbeit der Wege erspart, sondern auch der Vorteil erhalten wird, die beiden übrigen Posten B und C auf dem kürzesten Wege sich in D vereinigen und A unterstützen können; und dieses wird nach der obigen Voraussetzung bei jedem anderen Posten, B und C, welcher angegriffen wird, gelten ..." ([6]). Die militärische Einkleidung der Aufgabe wird verständlicher, wenn man weiß, daß Gruson - um den Lebensunterhalt für seine große Familie bestreiten zu können - außer an der Berliner Universität auch am Kadettenkorps unterrichtete. Die geringe Höhe seines Einkommens läßt sich noch daran erkennen, daß er außerdem die Stelle eines Professors am Französischen Gymnasium und an der Bauakademie innehatte. Wissenschaftlich trat Gruson nicht besonders hervor. Er übersetzte Arbeiten Eulers und Lagranges ins Deutsche und verfaßte elementare Handbücher. Auch besorgte er eine deutsche Ubersetzung von L. Mascheronis "Geometria del compasso". Eine von ihm entwickelte Geheimschrift wurde in der preußischen Armee verwendet (vgl. [2]).
Warum lohnt es sich, diese von Gruson behandelte
Aufgabe zu betrachten? Vielleicht ruft schon die ungewöhnliche Problemstellung
ein gewisses Interesse hervor. Aber dies wäre nur ein Nebeneffekt.
Entscheidend dagegen ist es, daß die Aufgabe zwei wichtige Merkmale
aufweist:
| Gibt es in jedem Dreieck einen Punkt F so, daß die Summe der Entfernungen von F zu den drei Eckpunkten minimal ist? |
Diese Problemstellung stammt nicht von Gruson, sie taucht zum ersten Mal um die Mitte des 17. Jahrhunderts auf. Urheber ist der Jurist und Parlamentsrat Pierre de Fermat (1601-1665). Am Schluß des vierten Teils seiner um 1643/44 verfaßten "Abhandlungen über Maxima und Minima" schreibt er (zitiert nach [15]):
"... Datis tribus punctis, quartum reperire, a quo si ducantur tres rectae ad data puncta, summa trium harum rectarum sit minima quantitas."
Betrachten wir die Aufgabe mit den Augen eines heutigen Schulmathematikers, so können wir sie in die Kategorie der beziehungsreichen Motivationsaufgaben einreihen:
"Eine Aufgabe, die für ein neues Stoffgebiet oder ein spezielles mathematisches Problem motivieren soll, erfordert eine Fragestellung, die genügend Anreiz bietet, darüber nachzudenken. Auch darf die Lösung nicht unmittelbar auf der Hand liegen, sondern sollte auf Uberlegungen beruhen, die bereits in den neuen Themen- bzw. Problemkreis einführen" (vgl. Kratz [10]).
Obiges Minimumproblem erfüllt sicherlich
diese Forderungen. Das Problem ist reizvoll, einfach zu formulieren, und
eine elementargeometrische Lösung liegt tatsächlich nicht so
ohne weiteres auf der Hand.
"Der gesuchte Punct muß also so liegen, daß die aus demselben an die drei gegebenen Puncte gezogenen geraden Linien gleiche Winkel mit einander machen, und es darf, wenn die Aufgabe möglich seyn soll, keiner der drei Winkel des Triangels, an dessen Spitzen die drei gegebenen Puncte liegen, größer als 120° seyn" ([6]).
Wir wollen aber ohne Differentialrechnung
auskommen und suchen daher nach geometrischen Lösungen. Eine vektorgeometrische
Lösung unter Verwendung des Skalarprodukts hat Pickert in [14]
gegeben. Unser Ziel ist es, einige elementargeometrische Zugänge zu
der Minimumaufgabe zu betrachten.
Der Hofmannschen Lösung liegt als Leitidee die Erkenntnis zugrunde, daß von allen Streckenzügen mit gleichen Endpunkten die gerade Linie am kürzesten ist. Nach dieser Lösungsstrategie verfährt man z. B. auch bei der Aufgabe, einem gegebenen spitzwinkligen Dreieck ein Dreieck mit minimalem Umfang einzubeschreiben. Bei der uns vorliegenden Aufgabe können wir diese Strategie nicht unmittelbar anwenden. Denn hier handelt es sich nicht um einen Streckenzug, sondern die Strecken gehen von einem gemeinsamen festen Punkt aus. Daher muß zunächst das Streckendreibein in einen Streckenzug übergeführt werden.
1. Phase: Zeichnen einer Konfiguration
Aus dem Hofmannschen Beweis ergibt sich
sofort eine Konstruktionsvorschrift für den Minimumpunkt.
b. Verbinde die freie Ecke (C') mit dem
gegenüberliegenden Eckpunkt (B) des
ABC.
c. Zeichne den Umkreis des gleichseitigen Dreiecks.
Fragen:
Im Anschluß an die Behandlung des Umfangswinkelsatzes bekommen die Schüler folgende Konstruktionsaufgabe:
1. Phase:
Zu dieser ersten Phase gehört noch eine Beweisaufgabe, die in der zweiten Phase eine entscheidende Rolle spielt. Es handelt sich um den sog. "Satz von Viviani":
3. Phase: Entdecken von Beziehungen
Seine Kenntnis von dem Problem erhielt Viviani durch den Mathematiker und Physiker Evangelista Torricelli (1608-1647). Dieser fand selbst einige Lösungen, u.a. mit Hilfe einer Ellipse. Nach Italien und damit zu Torricelli gelangte die Aufgabe durch den Minoriten-Pater Marin Mersenne (1588-1648), der im Herbst 1644 eine Pilgerreise nach Rom unternahm und dabei u. a. in Florenz Station machte. Im Reisegepäck hatte er Fermats "Abhandlungen über Maxima und Minima". Dies war kein Zufall, denn Mersenne sorgte für den Kontakt zwischen bedeutenden Gelehrten seiner Zeit, er koordinierte gewissermaßen den gelehrten Schriftwechsel. Das war damals neben dem Studium von Monographien die einzige Möglichkeit der wissenschaftlichen Kommunikation. Heutzutage ist uns der Name Mersenne noch im Zusammenhang mit Primzahlen der Form 2P-1 geläufig. Diese sog. Mersenne-Primzahlen spielen eine große Rolle bei der Suche nach immer größeren Primzahlen.
Auf seiner Pilgerfahrt legte Mersenne vor
Florenz auch in Bologna einen Halt ein und traf mit Bonaventura
Cavalieri (1598-1647) zusammen. Auch er lieferte Beiträge zu dem
Minimumproblem. Er erkannte, daß die Winkel des Dreiecks jeweils
kleiner als 120° sein müssen, wenn der Minimumpunkt innerhalb
des Dreiecks liegen soll, und daß die Seiten des Dreiecks von diesem
Punkt unter gleichem Winkel zu sehen sind. Den Punkt selbst konstruierte
er mit Hilfe der Umkreise der aufgesetzten gleichseitigen Dreiecke.
1. Nachweis: "Zerstören der
Symmetrie"
BB1
CC1
= {F}. Verbinde A bzw. A1 mit F.
Zu zeigen ist:
AFA1
= 180°.
Ebenso zeigt man, daß F auf dem Umkreis
des
CAB1
liegt.
Aus (1) und (2) folgt:
BFC
= 120°
F
liegt auf dem Umkreis des
CBA1
Aus (1) und (3) folgt:
AFA1
=
AFB +
BFA1
= 180°
Bemerkung:
Jetzt sind die aufgesetzten Dreiecke nicht
mehr gleichschenklig. Mit dem Sinussatz läßt sich aber zeigen,
daß das verbleibende Produkt von Seitenverhältnissen gleich
1 ist:

Zeichnung
Weiterhin gibt es auch Beziehungen zwischen den beiden Fermat-Figuren zu entdecken. So gilt beispielsweise:
Wir zeichnen ein Dreieck ABC (Innenwinkel
< 120°) mit nach außen aufgesetzten gleichseitigen Dreiecken.
Anschließend wird das Innere der Figur "weggewischt", es bleiben
nur die freien Eckpunkte A1, B1, C1 erhalten.
Aus ihnen soll nun das
ABC
(re-)konstruiert werden.
Kommen wir zu der genannten Zeitschrift zurück. "The Lady's Diary or Woman's Almanach", in England zwischen 1704 und 1841 regelmäßig einmal im Jahr erschienen, versprach den Leserinnen "the cultivation of your minds will increase your attractiveness". 1841 fusionierte übrigens diese Zeitschrift mit "The Gentleman's Diary" und erschien bis 1871 unter dem Titel "The Lady's and Gentleman's Diary" (vgl. [1]). Autoren und Leserschaft waren hauptsächlich interessierte Laien.
Im "Lady's Diary" des Jahres 1755 stellte ein Thomas Moss folgendes Problem:
"In the three sides of an equiangular field stand three trees at the distances of 10, 12 and 16 chains from one another; to find the content of the field, it being the greatest the data will admit of."Was hat nun diese Aufgabe mit dem Fermat-Problem zu tun? Darüber gibt das "Lady's Diary" keine Auskunft. Dies verwundert eigentlich etwas, da der damalige Herausgeber dieses Almanachs, Thomas Simpson (1710-1761), das Fermat-Problem kannte. In seiner 1750 in einer erweiterten und überarbeiteten Ausgabe erschienenen "Doctrine and Application of Fluxions" [17] finden wir die Konstruktion des Fermat-Punktes mit Hilfe der Ecktransversalen. In einer Übungsaufgabe befaßte sich Simpson auch mit dem Problem der Minimierung der gewichteten Summe der Entfernungen. Wir kennen heutzutage den Namen Simpson meist nur noch im Zusammenhang mit einer Formel zur näherungsweisen Berechnung der Fläche unter einer Kurve, der sog. Simpson-Regel. Diese wurde aber schon lange vor ihm entdeckt.
Kommen wir zurück auf die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Aufgabe von Moss und dem Fermat-Problem. Eine Antwort finden wir in J. D. Gergonnes "Annales de Mathematiques Pures et Appliquees". Im ersten Band dieser Zeitschrift aus den Jahren 1810/11 wird die genannte Aufgabe ohne Einkleidung gestellt, also:
"Einem gegebenen Dreieck soll das maximale gleichseitige Dreieck umschrieben werden."Im darauffolgenden Band (Jahrgang 1811/12) werden Lösungen verschiedener Autoren vorgestellt. Dabei wird auch folgende Beobachtung mitgeteilt:
"Die Seiten des einem gegebenen Dreieck umbeschriebenen maximalen Dreiecks stehen senkrecht auf den Geraden, die die Ecken des gegebenen Dreiecks mit dem Punkt verbinden, von dem aus die Summe der Entfernungen zu diesen Ecken minimal ist. Weiterhin ist die Länge der Höhe dieses maximalen umbeschriebenen gleichseitigen Dreiecks gleich der Summe der Entfernungen von dem Minimumpunkt zu den Ecken des gegebenen Dreiecks."
Mit der Lösung des Fermat-Problems
ist somit gleichzeitig das maximale umbeschriebene gleichseitige Dreieck
bestimmt und umgekehrt. Ein Minimum- und ein Maximumproblem, die so miteinander
zusammenhängen, heißen zueinander dual. Das Fermat-Problem und
die Bestimmung des maximalen gleichseitigen Umdreiecks können somit
als die Urväter der Dualitätsprobleme der Optimierungstheorie
angesehen werden.
Der Name des Problems würde ziemlich
unhandlich, wenn wir jede der erwähnten Personen berücksichtigen
wollten. Es ist auch schwer zu beurteilen, wer den entscheidenden
Beitrag lieferte. In diesem Fall ist es sicherlich angebracht, das Problem
nach seinem Urheber Fermat zu benennen.
[2] Biermann, K.R.: Die Mathematik und ihre Dozenten an der Berliner Universität 1810-1920. Berlin: AkademieVerlag 1973
[3] Courant, R. u. H. Robbins: Was ist Mathematik? Berlin u.a.: Springer 1973
[4] Coxeter, H. S. M. u. S. Greitzer: Geometry revisited. MAA, 1967 (deutsche Übersetzung: Zeitlose Geometrie Stuttgart: Klett 1983)
[5] Féaux, B.: Ein Lehrsatz der Planimetrie. Schulprogramm Gymnasium Arnsberg 1873
[6] Gruson, J. P.: Eine geometrische Aufgabe über Minima. Abhandlungen der königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin, Mathematische Classe 1816/l7
[7] Herterich, K.: Die Konstruktion von Dreiecken. Stuttgart: Klett 1986
[8] Hofmann, J. E.: Elementare Lösung einer Minimumsaufgabe. In: ZMNU 60 (1929), S. 22-23
[9] Hofmann, J. E.: Über die geometrische Behandlung einer Fermatschen Extremwert-Aufgabe durch Italiener des 17. Jahrhunderts. In: Sudhoffs Archiv 53 (1969), S. 86-99
[10] Kratz, J.: Beziehungsreiche geometrische Problemstellungen aus didaktischer Sicht. In: DdM 16 (1988 ), Heft 3, S. 206-234
[11] Kunze, C. L. A.: Ueber einige theils bekannte, theils neue Sätze vom Dreieck und Viereck, Halle 1848 (1. Auflage als Programm des Gymnasiums Weirnar 1832).
[12] MacKay, J.S.: Isogonic Centres of a Triangle. In: Proc. Edinburgh Math. Soc. 15 (1896-97), S.100-118
[13] Möbius, P.J.: Über die Anlage zur Mathematik. Leipzig: J.A. Barth 1907
[14] Pickert, G.: Minimale Abstandssumme von drei Punkten. In: PM 28 (1986), Heft 3, S. 142-148
[15] Schreiber, P.: Zur Geschichte des sog. Steiner-Weber-Problems. Wiss. Z. Ernst-Moritz-Arndt Univ. Greifswald. In: Math.-nat. wiss. Reihe 35 (1986), S. 53-58
[16] Schupp, H.: Elementargeometrie. Paderborn: Schöningh 1977
[17] Simpson, Th.: The Doctrine and Application of Fluxions. Überarbeitet und herausgegeben von W. Davis, London 1805
[18] Weber, A.: Über
den Standort der Industrien. Tübingen: J.C.B. Mohr 1909
Hinweis: Zur Ergänzung der Thematik empfiehlt sich der Artikel "Problem und Satz von Napoleon" von F. Schmidt. In DdM 18 (1990), Heft 1.