|
Dracula - The Blood is the Life Im 13. Jahr ihres Bestehens wagte sich the fringe an einen angeblich blutrünstigen Horrorklassiker heran: Bram Stoker’s Dracula. Die mit über 200 Stunden sehr umfangreiche Probenzeit verlangte von allen Teilnehmern ein Maximum an Nerven ab und lohnte sich: vier ausverkaufte Vorstellungen im Kleinen Haus (neuer Bayreuther Rekord für uns) und zwei erfolgreiche Gastspiele in Bamberg und Fürth belohnten die triumphierende Motivation der Schülerinnen und Schüler, deren Spielfreude und Einsatz die Zuschauer begeisterten. Der Romantext von Bram Stoker bildete dabei die Grundlage für unsere eigene Dramatisierung, die existierenden Theaterbearbeitungen und die Verfilmungen bildeten lediglich Anregungen, denn während der Roman ein Klassiker wurde, sind die meisten Bearbeitungen es nicht geworden. Die Filme sind Interpretationen des Romans, wie wollten aber keine Interpretation interpretieren, sondern die eigentliche, ursprüngliche Sache. Ging es in Shakespeares A Midsummer Night’s Dream um wohlwollende Geister, die bei Nacht Schabernack mit den Sterblichen treiben, so könnte man Dracula als die dazu passende Schattenseite bezeichnen: Hier treiben bösartige Geister, nämlich Vampire, ihren ganz und gar nicht harmlosen Schabernack mit den Sterblichen. Der Roman von Bram Stoker gehört zur „Literature of Terror“, d.h. er ist nicht wirklich ein Horror-Roman. Literature of terror sollte dazu dienen, die Leser auf- und anzuregen, um dann am Schluss einen erleichternden Ausweg anzubieten. In Dracula geht um Ängste, um Urängste der Menschheit, die sensibel behandelt werden sollten. Es ist ein Stück über den Einbruch des Bösen, das aus der überwunden geglaubten Vergangenheit in unsere technisch-moderne Gegenwart kommt, in eine scheinbar heile Welt, die sich am Jahrhundertwechsel um 1900 beschleunigt veränderte. Dracula (Sergej Moor/Lorenzo Catanese) steht für das überkommene, schlechte Alte: er entstammt einer alten Blutlinie und lebt auch vom Blut, vom Aussaugen, so wie seine Vorfahren ihre Untertanen ausgesaugt oder beliebig im Krieg als Soldaten geopfert haben. Er ist herrisch und gnadenlos, die Verköperung des Bösen auf Erden, und er reist in die modernste Stadt, die es um 1900 gab, um von dort aus sein eigenes Imperium neu zu beleben. Er will die Weltherrschaft der Vampire errichten und dafür ist ihm jedes Mittel Recht. Er lässt die Vampirinnen, die ihm treu gedient haben, zurück, um sich selbst zu modernisieren, und er bietet als Abgesandter der Hölle eine Inversion, eine Umkehrung, des Christentums an: wie das Christentum bietet er den sterblichen Menschen die Überwindung des Todes, aber nicht durch ewiges Leben im Paradies, sondern durch Untotsein und Vampirismus. Dracula weckt Urängste in den Menschen. Jonathan Harker (Martin Erfurt/Dennis Mauthe) wird mit Ungeheuern eingesperrt – die Angst, eingesperrt und ausgeliefert zu sein, ist eine solche Urangst. Dracula kann sich in Nebel oder einen Wolf verwandeln – die Urangst vor Natur, Dunkelheit, und wilden Tieren. Er beißt Frauen in den Hals, und diesen schwinden die Sinne – die Angst, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren. Die Angst vor dem Tod und dem, was uns danach erwartet, ist so alt wie die Menschheit. Dracula gibt eine Antwort darauf, indem er zeigt, dass das Leben auch nach dem Tod als Untoter weitergehen kann, und dass man dabei Macht und Vergnügen haben kann. Die Angst davor, dass all unsere Technik und alle moderne Medizin uns oder einen geliebten Menschen nicht retten kann – Lucy (Anne Eisenhuth/Jana Pittel) hat zwei Ärzte, die sie nicht retten können, und moderne Wissenschaft nützt gar nichts gegen uralte Gefahren: Mit abergläubischem Hokuspokus wie Knoblauch rückt Prof. van Helsing (David Kübel/Moritz Hacker) an, und mit uralten religiösen Symbolen, die man um 1900 bereits bezweifelte: geweihte Hostien und Kreuze bannen den Vampir, der somit zum Antichrist und Erzfeind des Christentums wird. Dem veralteten Konzept eines Dracula mit Blut und Boden, mit Treue und Gefolgschaft, mit mittelalterlichen Rechten und geradezu Lehenswesen unter seinen ihm verbundenen Vampiren und verwirrten Menschen wie Renfield (Christina Hertel/Vanessa Heydasch), setzen Van Helsing und die anderen freiwillige Bindungen entgegen. Psychiatrie und Hypnose spielen eine große Rolle im Roman und im Stück. Dr Sewards Irrenhaus ist ein bedeutender Spielort – und Irrenhäuser waren um 1900 keine finsteren Orte mehr, an denen Patienten gefoltert und menschenunwürdig festgehalten wurden. Sie waren helle und vergleichsweise freundliche Orte, und die neuen Theorien vom Kontinent sprachen sich eher für Analyse als für Zwangsmaßnahmen aus. Die Insassen des Sanatoriums wurden somit zu wichtigen Elementen, um die richtige Atmosphäre des Stückes zu transportieren, und durch die Interpretation Renfields als ehemalige Schauspielerin, die einmal zu oft in eine Rolle geschlüpft ist und nun auch noch ihre Seele an Dracula verkauft hat, obwohl sie eigentlich das Gute will, wurde der Geschichte eine weitere, wichtige psychologische Ebene hinzugefügt, die beim Publikum sehr gut ankam – vor allem aufgrund der hervorragenden schauspielerischen Leistungen von Vanessa Heydasch und Christina Hertel. Der unglaublich brutale Mord Draculas an seinem einstigen Werkzeug Renfield löscht jeden Zweifel über den Charme Draculas aus. Das Erstaunliche an Stokers Roman ist, dass die Titelfigur Dracula nicht der Held des Romans ist, sondern die Verfolgergruppe mit van Helsing und Mina an der Spitze – Mina, die aus Stokers Sicht ein Vorbild für alle Frauen war – treu, liebend, opferbereit, mit scharfem Verstand, mütterlich, und unglaublich mutig. Dabei war sie keine emanzipierte Frau und auch keine Adlige, sondern eine junge Lehrerin, die arbeiten muss, um zu leben, und die nicht nur alleine nach Ungarn reist um ihren Mann zu retten, sondern die selbst den Mächten der Hölle trotzt, um am Ende wieder rein und frei zu sein. Dies haben wir versucht, in unserer Produktion herauszuarbeiten. Proben- und Aufführungsfotos
Marlene Münzel und Alisa Zaiat, die beiden Darstellerinnen der Mina Harker.
Um das Stück besser vorbereiten zu können, verbrachte die English Drama Group im Herbst 2008 drei Tage gemeinsam in der Don-Bosco-Jugendherberge in Forchheim. In diesem Zusammenhang gebührt mehreren Personen enormer Dank: Kai Uwe Scholz von der Tanzschule Scholz in Bamberg studierte in Forchheim mit den Schauspielern drei Tänze ein und schulte dabei ihr Körpergefühl. Andreas Fingas, ehemaliges Mitglied der English Drama Group und Freier Journalist in Bamberg, machte intensive Entspannungs- und Stimmübungen mit den Schauspielern. Diplompädagogin Sieglinde Lang vermittelte den Schauspielern, die Insassen des Irrenhauses spielen, Einsichten in die Realität von Nervenheilanstalten und trainierte sie im Spiel. Dr. Ulrike Scholz, Romanistische Sprachwissenschaftlerin von der Universität Bamberg, machte Ausspracheübungen mit den Schauspielern.
Kay Uwe Scholz und Rebekka Jesch beim Tanztraining in Forchheim.
Dr. Ulrike Scholz und Sieglinde Lang während einer Präsentation.
Eine Gruppenübung: Wolf und Schafherde.
Training der Vampirbräute Trang Nguyen, Bettina Wagner, Rebekka Jesch, Karolina Panow, Sandra Götz, und Vanessa Tost.
Besonderen Dank schulden wir ferner Sergej Moor für das wunderbare Plakatfoto, sowie Laura Arnold, die sich als Modell für das Foto zur Verfügung stellte, und dem ehemaligen Gruppenmitglied Christian Köhler, dessen Antlitz als Vampir die Eintrittskarten zieren wird. Alle aufwändigen Holzarbeiten erledigte Moritz Hacker, der auch für Ton und Technik Verantwortung trägt. Das umfangreiche und komplexe Stage Management leitete Vanessa Heydasch, mit Hilfe von Robin Fachtan. Umfangreiche neue Kostüme wurden in ihrer raren Freizeit von Frau Dr Ulrike Scholz geschneidert. Andere Kostüme würden privat organisiert oder geliehen.
Tanztraining im Theaterraum des GMG: Jana Pittel, Kay Uwe Scholz, Alina Wanitzek und Sergej Moor.
Jana Pittel (Lucy) im Tango mit Lorenzo Catanese (Dracula).
Die gleiche Szene mit Alina Wanitzek und Sergej Moor. Alina Wanitzek war unsere dritte Lucy, die beim Gastspiel in Bamberg erste Erfahrungen in einer großen Rolle sammelte.
Anne Eisenhuth (Lucy) und Marlene Münzel (Mina), als alles noch gut zu sein scheint in der 1. Szene des Stückes. Marlene Münzel schloss ihre Schauspielkarriere am GMG nach acht Jahren mit dieser Hauptrolle professionell ab.
Die Besetzungen wurden bei den weiteren Aufführungen auch gemischt: Anne Eisenhuth mit Alisa Zaiat, die hier nach zwei Jahren leider ihren letzten Auftritt in der English Drama Group hatte.
Schon bald geht es Lucy nicht mehr gut. Sie klagt über Alpträume und Schmerzen am Hals. Lucy (Anne Eisenhuth, r.) klagt über diese Probleme ihrer Mutter gegenüber (Rebekka Jesch).
Und dann Draculas Auftritt bei Lucys Verlobung mit Sir Arthur Holmwood: Sofort fliegen alle Frauen auf den Charme des transsylvanischen Adligen, doch Lucy macht sehr zum Missfallen ihres Verlobten das Rennen. V.l.n.r. Vanessa Tost als Mrs Westenra, Peter Tscheperkow als Sir Arthur, Jana Pittel als Lucy, Lorenzo Catanese als Dracula, Verena Strobel und Sandra Götz als betörte viktorianische Ladies. Für das reduzierte, aber farblich hervorragend abgestimmte Bühnenbild zeichnete ebenso wie für den Transport das Möbelhaus Becher in Bayreuth verantwortlich.
Der herrisch zupackende Dracula (Lorenzo Catanese) hat sich die frisch verlobte und ein wenig unreife Lucy (Alina Wanitzek) als erstes Opfer in England ausersehen.
Lucy (Anne Eisenhuth) kann seinem Zauber nicht widerstehen und will geradezu gebissen werden – Dracula (Sergej Moor in seiner leider letzten Rolle) weiß es zu schätzen.
Zur Atmosphäre trug auch der Ausschnitt aus Oscar Wildes Salome bei, in der es schließlich auch um Liebe und Blut ging: Robin Fachtan als Jokanaan (Johannes der Täufer), Bettina Wagner als Prinzessin Salome, Hanna Prichodko als Pagin, die versucht, den wachhabenden Syrer – Jan Wißling – aus den Klauen der mit allem spielenden Prinzessin zu retten.
Die Individualisierung der Insassen des Sanatoriums war eine zeitaufwändige Angelegenheit, die sich lohnte, denn es machte die Thematik glaubwürdiger: Dr Seward (Nick Hagemann) und Prof. van Helsing (David Kübel in seiner leider ersten und letzten Rolle) im „offenen Vollzug“ mitten unter Irren.
Ein paar Einzelstudien der Irren:
Verena Strobel
Sandra Götz und Dennis Mauthe
Bettina Wagner
Karolina Panow
Bei ihr scheint nichts mehr zu helfen: Christina Hertel als fliegen- und spinnenessende Renfield, die ihre Seele dem Teufel Dracula verkauft, weil dieser ihr größeres Leben verspricht. Für ihn spioniert Renfield das Sanatorium aus, öffnet Türen und zettelt sogar einen Aufstand der Irren an.
Dabei fallen die sonst friedlichen Irren sogar Dr Seward (Peter Glaser) an. Schließlich beißt Renfield den Arzt sogar und imitiert damit ihren Meister.
Ansonsten wirkt Renfield eher wie ein friedliches Haustier mit Stimmungsschwankungen: Christina Hertel und Peter Glaser.
Dazwischen Zeitabschnitte, in denen Renfield einfach nur auf irgendeinen Punkt starrt und versucht, ihre Gedanken zu ordnen. Sie kann auch Shakespeare zitieren und zeigen, dass sie einmal eine wirklich gute Schauspielerin war; hier gespielt von Vanessa Heydasch, die auch das stage management übernahm, und ohne die das Gastspiel in Fürth kein Erfolg geworden wäre.
Nur zu Mina Harker fasst Renfield eine gewisse Zuneigung. Deshalb bricht sie mit Dracula und versucht sogar, ihn aufzuhalten – wofür sie mit ihrem Leben bezahlt.
Zwei großartige Spielerinnen in ihrem letzten gemeinsamen Auftritt: Marlene Münzel und Vanessa Heydasch.
David Kübel als Professor van Helsing – freundlich und energisch zugleich.
Prof. van Helsing (hier Moritz Hacker) kommt ursprünglich, um Lucy zu helfen. Dies misslingt, doch durch die Hyponotisierung von Jonathan Harker (Martin Erfurt) erfährt er alles über Dracula und seine Bräute (Bettina Wagner, Vanessa Tost und Sandra Götz), in deren Hände Jonathan auf Schloss Dracula fast gefallen wäre.
Die Harkers (Marlene Münzel und Dennis Mauthe) sind sofort bereit, dem Professor bei der Verfolgung und Vernichtung Draculas zu helfen.
Aber zuerst muss Lucy vernichtet werden, die sich in einen Vampir verwandelt hat (Anne Eisenhuth).
Doch dann schlägt Dracula wieder zu: Nachdem Lucy vernichtet ist, beißt er Mina Harker und stellt so eine Verbindung zu seinen Verfolgern her. Wie alle Vampiropfer scheint auch sie zunächst den Biss sogar zu genießen. Doch diese Begeisterung lässt rasch nach.
Mina verändert sich durch den Biss: Sie wird energischer, emanzipierter, und sie zieht Hosen an. Sie wird zur Anführerin des Verfolgerteams. (v.l.n.r. Konstantin Dannecker, Dennis Mauthe, Marlene Münzel, David Kübel, Nick Hagemann)
Aus der 2. Premiere: Peter Tscheperkow, Martin Erfurt, Alisa Zaiat, Moritz Hacker, und Peter Glaser.
In Transsylvanien stoßen sie dabei auf die Vampirbräute, die van Helsing gerne vernichten und Mina Harker in ihre Arme schließen möchten. (v.l.n.r. Trang Nguyen, Marlene Münzel, David Kübel, Rebekka Jesch, und Karolina Panow)
Doch der heilige Kreis und das Kreuz schützen Mina und den Professor – noch.
Doch wenn man sie ließe …
Bliebe noch zu danken:
Vorbereitung auf das Gastspiel in Fürth: Stage Managerin Vanessa Heydasch trimmt ihr Umbauteam auf Tempo (Jan Wißling, Vanessa Heydasch, Peter Tscheperkow, Martin Erfurt, Michael Lauterbauch, Verena Strobel).
Es hat Spaß gemacht, weil alle gut zusammen gearbeitet haben. Ich hoffe, nächstes Jahr alle, die nun leider die Gruppe verlassen, im Zuschauerraum wiederzusehen. Es ist immer schwer, gute Schauspieler ziehen zu lassen, aber es geht nicht anders. Gerade die, die jetzt Abitur machen (Sergej Moor, Marlene Münzel, Vanessa Heydasch, David Kübel, Alisa Zaiat) haben unserem Schultheater viele Stunden guter Unterhaltung auf sehr hohem Niveau geschenkt. Wir danken ihnen dafür und wünschen ihnen für ihr Abitur und ihren weiteren Lebensweg alles erdenklich Gute. Vergesst the fringe nicht. |