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MACBETH - EIN EXPERIMENT

2004 versuchte sich ein Teil von the fringe an einem Experiment, nämlich einem 30-Minuten Macbeth auf Deutsch. Wieso? Alle zwei Jahre findet die Elternbeiratswahl an unserer Schule statt, und während die Stimmen ausgezählt werden, kommt eine Theatereinlage ganz gut. Da aber nicht alle Eltern sehr gut Englisch können, wollten wir uns mal an der für uns ungewohnten deutschen Sprache versuchen. Die meisten Spielerinnen fanden es in der Tat schwieriger, deutschen Text zu lernen und in ihre Rollen zu schlüpfen. Die Fremdsprache Englisch hilft da doch, weil sie schon einmal eine Distanz zur eigenen Person und Identität aufbaut.

Anfangs sieben Mädchen machten sich an den Mini-Macbeth, dessen Text auf der moderneren Übersetzung von Thomas Brasch basierte. Warum nur Mädchen? Einerseits als Verfremdungseffekt, andererseits um eine gewisse Distanz zum unendlich brutalen Plot zu schaffen. Es stand nur wenig Probenzeit bis zur Premiere zur Verfügung, insgesamt etwa zwölf Stunden. Die Leistung muss auch unter diesem Gesichtspunkt bewertet werden. Außerdem war das Stück noch nicht wirklich fertig, als es präsentiert wurde.

(v.l.n.r., stehend: Romina Heinrich, Kira Sesselmann, Julia Herz, Lena Schmidt, Laura Busert, Eva-Maria Götz, sitzend: May Brümmer, Katharina Lopatin, Marlene Münzel)

 

Am 21. Oktober 2004 wurde es vor den Eltern des GMG im Kleinen Haus der Stadthalle uraufgeführt, mit May Brümmer als Lady Macbeth. Die leicht nervösen Schüler hetzten durch das Stück und brauchten ganze 22 Minuten. Darauf beschloss der Regisseur, dass vielleicht doch noch zwei kleine Szenen eingefügt werden sollten, die die Handlung leichter verfolgbar machen werden. Am 22. Oktober 2004 wurde das Stück dann in drei aufeinanderfolgenden Vorstellungen etwa 450 Schülern der Jahrgangsstufen 7 bis 13 vorgespielt, diesmal mit Marlene Münzel als Lady Macbeth. Alle Kritikpunkte, die aufkamen - sowohl positiv wie negativ - wurden aufgegriffen und werden bei der Weiterentwicklung der Produktion Verwendung finden.

Laura Busert, Romina Heinrich und Julia Herz als moderne Hexen

 

Zum Inhalt des Stückes:

Schottland im Mittelalter. Auf dem Heimweg nach gewonnener Schlacht treffen die beiden siegreichen Generäle Macbeth und Banquo auf drei Frauen, die vielleicht Hexen sind. Sie prophezeien Macbeth, dass er Than (Herzog) von Cawdor und später König von Schottland werden wird, während Banquos Kinder ein neues Königsgeschlecht begründen werden. Da er wirklich Than von Cawdor wird, glauben Macbeth und seine ehrgeizige Frau von nun an, dass auch die Vorhersage seines Königtums eintreffen wird - und ihre Gier nach Macht treibt beide dazu, dem Schicksal durch Mord nachzuhelfen. Der Mord wird umso leichter als König Duncan bei Macbeth im Schloss übernachtet - Macbeth ermordet ihn, nachdem seine Frau die Wachen betäubt hat, und wird tatsächlich König. Doch nun beginnt das Morden erst recht, denn er muss nun alle beseitigen, die einen Verdacht gegen ihn haben - seinen Freund Banquo zuerst, und dann auch den edlen Macduff, der den Mord aufklären will. Auf dem Weg zum skrupellos mordenden König jedoch verlieren Macbeth und seine Frau jeden Bezug zur realen Welt und zu sich selbst. Am Ende holt sie die gerechte Strafe für einen unnatürlichen Mord ein.

Katharina Lopatin als Macbeth

 

Zur Interpretation:

Macbeth ist eine der berühmtesten Tragödien überhaupt. Shakespeare beschreibt darin die Geschichte eines Königs, den es im 11. Jahrhundert wirklich gab, als Beispiel für einen Mann, der vom Schicksal versucht wird und seinem blinden Ehrgeiz nachgibt, über Leichen geht, und vom Schicksal dann wie ein Glücksspieler, der verloren hat, bestraft wird. Seine Frau stachelt ihn dabei noch an, doch nicht, weil sie einfach nur böse ist, sondern weil auch sie einer Verführung nachgibt.

the fringe spielt diese brutale und mordlastige Tragödie in einer stark gekürzten Fassung, mit Mädchen besetzt, und in modernem Kostüm, um die Zeitlosigkeit des Themas zu unterstreichen. Die Kürze der Fassung bewirkt, dass die Szenen nahtlos ineinander greifen und die Bühne ohne Bühnenbild auskommt - genau wie zu Shakespeares Zeiten. Absicht der Truppe war es nicht, Shakespeare als Steinbruch auszuschlachten, um eine eigene Idee zu präsentieren, sondern sein Stück derart zu konzentrieren, dass ein nachhaltiger Eindruck davon entsteht, was er selbst seinem Publikum nahebringen wollte.

Oder, um es mit dem berühmten Regisseur Luc Bondy zu sagen: "Ich möchte im Theater etwas sehen, das ich in dieser Form noch nie gesehen habe. Das Theater, sage ich mir manchmal, müsste wie ein Geisterzug sein." Genau das ist es! Ein Macbeth in 22 oder 30 Minuten ist ein Geisterzug. Er besteht aus hoffentlich gut verbundenen Schlüsselszenen, bei denen es schwer ist, noch Akzente zu setzen, weil eben jede Szene wichtig und zentral ist. Dennoch muss versucht werden, einen Rhytmus in die Sache zu bringen. Es ist auch völlig klar, dass es jemandem, der noch nie zuvor etwas von Macbeth gehört hat, schwer fallen könnte, dem Inhalt und der Personenkonstellation zu folgen. Aber das ist etwas, das für jedes unbekannte schwierige Stück gilt. Wer versteht denn auf Anhieb Goethes Faust, wenn er ihn nur gespielt sieht und sonst nichts davon weiß? Die Bildhaftigkeit von Shakespeares Sprache ist selbst in der Übersetzung für den modernen Zuschauer eine Herausforderung. Aber wenn der Zuschauer den Saal mit dem Gefühl verlässt, dass da etwas Dramatisches, Rasantes, Temporeiches, Erschütterndes oder auch nur Überraschendes vor ihm abgelaufen ist, dann hat man erreicht, was auch Shakespeare wollte.

Marlene Münzel als Lady Macbeth

 

Shakespeare schrieb seine Stücke so, dass sie in genau 2 Stunden gespielt werden konnten. Die Schauspieler seiner Zeit hetzten durch ihre Text, für spielerische Ausgestaltung blieb wenig Raum. Gesten und festgelegte Bewegungen halfen, Typen zu kreieren, die das Publikum leicht einordnen konnte. Für jeden Teil seines Publikums mussten seine Stücke etwas enthalten, denn sie waren Gebrauchskunst, die jeden Tag aufgeführt wurde - hochpoetische Monologe für die adligen Zuschauer, Action und derber Humor für die damalige Londoner Unterschicht, und Spektakel. Wir haben versucht, daraus eine Kurzfassung zu machen, die hoffentlich ankommt.

H.-D. Scholz


Kritik zum „deutschen“ Macbeth in einer Co-Inszenierung von William Shakespeare und Hans-Dieter Scholz, vorgestellt von „the fringe“, der English-Drama-Group des Graf-Münster-Gymnasiums, am 22. 10. 04.

Macbeth – ein großer Name. William Shakespeare hat das Stück im 17. Jahrhundert geschrieben; in die Theatergeschichte ist es als imposantes, klassisches Drama mit wortreichen, langen Dialogen eingegangen – und genau das versuchten the fringe, die English-Drama-Group unserer Schule, zu widerlegen. Dass diese Shakespeare-Interpretation stark gekürzt ist, wird schon im Programm angekündigt. Die Handlung wird einsträngig gestrafft, so dass nur der Kern des alten Shakespeares übrig bleibt. Als Macbeth (Katharina Lopatin) und Banquo (Lena Schmidt) siegreich aus der Schlacht zurückkehren, prophezeien ihnen drei Hexen (Romina Heinrich, Julia Herz, Eva Götz) Ruhm, Macht - und Macbeth sogar die Krone. Von seiner machtgierigen Gattin, Lady Macbeth (Marlene Münzel) angestachelt, beginnt das Ehepaar mit Mord und Todschlag die Prophezeiung herbeizuführen. Die skrupellose Jagd nach Macht und Krone endet für Lady Macbeth und Macbeth in Wahnsinn und Tod.

Gewisse Vorkenntnisse über Handlung und Problematik wurden dabei vorausgesetzt, die jedoch nicht bei allen Schülern vorhanden waren, weil nicht jede Klasse das Stück vor dem Theaterbesuch besprochen hatte.

Man hatte noch weiter Überraschungen parat. So werden alle Personen von Frauen gespielt, obwohl genügend männliche Schauspieler zur Verfügung stehen. Herr Scholz, was wollten Sie mit dieser Besetzung zum Ausdruck bringen? Können sich Frauen wirklich so toll in die männliche Psyche hineinversetzen? Oder ist gerade das weibliche Geschlecht für die Darstellung machtgieriger und skrupelloser Verhaltensweisen besonders geeignet? Sollte es ein moderner V-Effekt oder einfach nur ein originelles Experiment sein? Für uns Schüler wirkten aber wichtige Szenen, in denen Macbeth oder Macduff auftraten nicht ungemein überzeugend. Dass man von der Mordlust in Macbeth nichts spürt, ist doch wohl dem braven, besorgten Gesichtsausdruck unserer Mitschülerin zuzuschreiben.

Dadurch, dass das Bühnenbild gänzlich fehlt und alle Handlungen in einem Raum stattzufinden scheinen, wird das Stück in einen Art modernen Interpretationsfreiraum gehoben, so dass man sich auch nicht um zeitgerechte Kostüme kümmern muss.

So steht „Prinzessin Dornröschen“, die in ihrem Kleid einen Farbklecks darstellte und als einzige farbig herausstechend gekleidet ist, neben einem „Stalin-Verschnitt“, der teils mit Dolch, teils mit Pistole kämpft. Vermutlich sollte mit den sparsamen Kulissen jeglicher Art das Augenmerk besonders auf die Handlung und die Qualität der Schauspieler gelegt werden. Und die taten ihr Bestes! In einer bewundernswerten Fleißarbeit haben sie einen Text in altertümlicher, gebundener Sprache gelernt. Sie monologisierten, schrien, kämpften und verfielen in Wahnsinn. Sie haben es tatsächlich fertiggebracht, dreimal jeweils ca. 130 skeptische Graf-Münsterianer in ihren Bann zu ziehen. So kann man ohne weiteres sagen, dass sich der Besuch der Aufführung auf jeden Fall gelohnt hat, weil im Zeitraffer Eindrücke von einer klassischen Tragödie vermittelt wurden – auch wenn manch ein Kulturmuffel nur von einem guten Zeitvertreib für eine Stunde Mathe gesprochen hat.

Schüler der Klasse 9a:
Dell, Arkadij
Dumler, Alexander
Keidel, Adrian
Kuck, Andreas
Leugering, Johannes
Muchweck, Patrick
Rühr, Sebastian

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