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Georg Graf zu Münster - ein bedeutender Paläontologe des 19. Jahrhunderts

(Kurzbiographie des Namenspatrons der Schule)

Wer die Fußbodenplatten und die Treppenstufen unserer Schule näher betrachtet, findet häufig in dem Naturstein, dem "gelben Marmor" des Malm, versteinerte Tier- und Pflanzenreste eingeschlossen. Die Rätsel, die uns diese versteinerten Reste von Lebewesen aufgeben, versucht die Paläontologie zu lösen. Dieser Wissenschaft ist es im Laufe der vergangenen zweihundert Jahren gelungen, das Alter, die Lebensbedingungen und die Entwicklung vieler vergangener Tierarten zu erforschen. Dadurch kann man heute wesentliche Aussagen über die Entwicklung des Lebens schlechthin machen.

Vielen Bayreuthern ist unbekannt, dass gerade ein Wahl-Bayreuther dazu beitrug, die junge Wissenschaft der Paläontologie, die man früher meist als Petrefaktenkunde bezeichnete, zu begründen und auf naturwissenschaftliche Methoden abzustellen. Dieser Bayreuther, der durch seine Funde und durch seine wissenschaftliche Leistungen Bayreuth weit über Deutschland hinaus bekannt machte, war Georg Graf zu Münster, der Namenspatron unserer Schule. Am 23. Dezember 1994 jährte sich zum 150. Male sein Todestag.

Graf Münster wurde am 17. Februar 1776 in Langelage bei Osnabrück geboren. Schon früh interessierte er sich für die Gesteine und die darin enthaltenen versteinerten Tiere seiner Heimat. Er studierte die Cameralwissenschaften (Finanz- und Verwaltungswissenschaften), trat in den preußischen Staatsdienst und kam im Jahre 1800 im Range eines Kriegs- und Domänenrates in das damals preußische Ansbach. 1806 wurde er nach Bayreuth versetzt und 1811 vom Königreich Bayern, an das die Markgrafschaft Bayreuth im Jahre 1810 gefallen war, übernommen.

Seit 1809, als sich die politischen Verhältnisse etwas beruhigt hatten, wandte er sich wieder dem Hobby seiner Jugend zu und sammelte zunächst in der Umgebung um Bayreuth Steine und Versteinerungen. Später besuchte er auf jährlichen weiten Reisen, die er mit seinem Einspänner durchführte, im ganzen mitteleuropäischen Raum die damals berühmten Fundstätten. Auch seine jährlichen Besuche in der Heimat nutzte er zu wissenschaftlichen Forschungen.

Auf seinen Reisen hielt Graf Münster die Fundort und die Gegenden, die ihn faszinierten, mit dem Zeichenstift fest. Auch von oberfränkische Landschaften sind stimmungsvolle Zeichnungen erhalten.

Gößweinstein im Jahre 1815 aus der Hand des Grafen Münster

Im Jahre 1840 wurde Graf Münster im Range eines Finanzdirektors, das entspricht der Stellung eines stellvertretenden Regierungspräsidenten, pensioniert. Vier Jahre später starb er an "Auszehrung". Sein Bayreuther Grab ist ebenso verschollen, wie auch sein Wohn- und Sterbehaus, das Layritzhaus am Luitpoldplatz (Hausnummer 9), im April 1945 zerstört wurde.

Graf Münster wurde vom Sammler von Versteinerungen zum Wissenschaftler. In seiner Freizeit entdeckte er die geologische Vielfalt der Bayreuther Umgebung, die vom Erdaltertum bis zum Holozän, der erdgeschichtlichen Gegenwart, reicht. In den vielen Steinbrüchen der Umgebung, zum Beispiel am Oschenberg und am Bindlacher Berg, fand er selbst oder kaufte er von den Arbeitern viele bisher unbekannte Versteinerungen. Davon machte er akribisch genaue Zeichnungen, die bald Aufnahme in wissenschaftliche Veröffentlichungen fanden. So stammen viele der Tafeln mit gezeichneten Versteinerungen, die die Werke von Georg August Goldfuß ("Petrefacta Germaniae") und Carl Friedrich Braun ("Beiträge zur Urgeschichte der Pflanzen") auch heute noch für die Fachwissenschaft so wertvoll machen, aus der Feder des Grafen. 1839 gründete Graf Münster eine eigene Zeitschrift, "Beiträge zur Petrefaktenkunde", von der bis zu seinem Tode sieben Hefte erschienen. Insgesamt lieferte Graf Münster ca. achtzig eigene Publikationen zur Paläontologie.

Diese Veröffentlichungen, aber auch spektakuläre Funde und grundsätzliche Erkenntnisse machten den Grafen Münster schnell international bekannt, so dass er in Bayreuth die Besuche der berühmten englischen Paläontologen Murchison und Sedgwick erhielt, denen er ganze Sammlungen von Versteinerungen verkaufte. Die internationale wissenschaftliche Bedeutung, zu der Bayreuth durch den Grafen Münster kam, zeigen auch die Besuche durch den Schweizer Louis Agassiz und den Franzosen Georges Cuvier (1769 - 1832), der als der eigentliche Begründer der Paläontologie gilt. Beiden überließ er Funde aus der Bayreuther Umgebung zur wissenschaftlichen Auswertung, so den 1824 gefundenen Schädel des rätselhaften "Pflasterzähners" Plastodus, dessen Gaumen mit schwarzen, bohnenartigen Zähnen bewehrt ist.

Zu den wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnissen des Grafen gehört die Einsicht, dass die Versteinerungen, zumal wenn sie innerhalb kurzer geologischer Zeiten schnell ihre Formen ändern, zur Klärung der Stratigraphie (Abfolge der Schichten) und damit zur relativen Altersbestimmung und zur Identifizierung gleich alter Schichten an verschiedenen Orten geeignet sind. In diesem Zusammenhang erforscht er die Trilobiten des Perm im Frankenwald und die Loben (Kammertrennwände) der Ammoniten. Bis heute grundlegend ist die Klärung der Schichtenfolge der Kalkmergel um St. Cassian/Südtirol aus dem geologischen Zeitalter Trias. Graf Münster konnte anhand von Funden nachweisen, dass es schon flugfähige Saurier gab (Flugsaurier des Solnhofener Plattenkalkes, nicht zu verwechseln mit dem erst später gefundenen "Urvogel" Archäopterix) und dass andere Saurier sich im Meere tummelten. Eine wissenschaftliche Sensation war 1834 der Fund eines vollständiges Saurierskelettes, des ersten auf dem europäischen Kontinent. Graf Münster konnte durch diesen Fund nachweisen, dass eine Fülle von versteinerten Knochen, die man zuvor einer Vielzahl von anderen Tierarten zugewiesen hatte, von einem einzigen Tier, einem Schwimmsaurier, stammten. Ihm gab der Graf den Namen "Nothosaurus mirabilis" (wundersame Bastardechse).

Bastardsaurier Nothosaurus; Skelettrekonstruktion in Schreitstellung; zum Teil nach G. zu MÜNSTERs Skelettfund von N. mirabilis MÜNSTER von 1834; Oberer Muschelkalk, Oschenberg bei Bayreuth. Skelettlänge: ca. 2,50 m. Zeichnung: M. WILD. Aus: Rupert Wild: Erdwissenschaftliche Forschungen in Bayreuth - Ein historischer Überblick, in: Berichte der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Bayreuth, Band XX, 1989

Die größten Verdienste erwarb sich Graf Münster aber als Sammler. Seine Privatsammlung war weltberühmt und zog Reisende und Wissenschaftler aus ganz Europa an. Nach dem Tode des Grafen sorgte König Ludwig I. von Bayern dafür, dass die 150 000 Fossilien umfassende Sammlung nicht in fremde Hände geriet und durch das Königreich aufgekauft werden konnte. Sie bildet heute den Grundstock der Bayerischen Paläontologischen Staatssammlung in München. Als im August 1832 der damalige Regierungspräsident Ferdinand von Andrian-Werburg dazu aufrief, eine repräsentative Sammlung der Gesteine und Versteinerungen des Obermainkreises, des heutigen Regierungsbezirks Oberfranken, zu begründen, stellte Graf Münster sogleich aus eigenen Beständen zunächst 12.000 und später nochmals 3.700 Stücke zur Verfügung. Somit stammen die meisten und die wertvollsten Exponate des "Naturalienkabinetts des Obermainkreises", der späteren Erdgeschichtlichen Sammlung, die bis 1981 im Neuen Schloß gezeigt wurde und die derzeit im Erdgeschichtlichen Museum im Lüchauhaus ausgestellt wird, vom Grafen Münster. Weitsichtig machte er zur Auflage, dass die Sammlung in Bayreuth verbleiben, ausgestellt werden und Wissenschaftlern zugänglich sein müsse. Durch diese Bestimmung hat er die Sammlung der Stadt Bayreuth und ihren Bürgern erhalten.

Leben und Werk des Grafen Münster zeigen, wie ein wissenschaftlich interessierter Laie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Fleiß, Ausdauer, Systematik und vielleicht auch etwas Finderglück zu weltweitem wissenschaftlichen Ansehen kam, zu dem er durch Geburt und Ausbildung keinesfalls berufen war.

An Graf Münster erinnern in Bayreuth der Name einer kurzen Straße, der Name unserer Schule, des naturwissenschaftlichen Traditionsgymnasiums. Auch der "Saurier", der berühmte Treffpunkt im Schulhof, soll die Erinnerung an den Namenspatron unserer Schule und an seine Leistungen wach halten. Die stilisierte Saurierfigur hat der aus dem Frankenwald stammenden Bildhauer Hans Rucker aus einem Block Muschelkalkstein herausgeschlagen. Sie wurde am 19. September 1967 im Schulhof aufgestellt.


Foto: W. Schwarz

Helmut Beisbart, Bayreuth

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