Beginning of the document: Pythagoras und kein Ende
Einen algebraischen Beweis verdanken wir James Abram GARFIELD (1831 - 1881), dem 20. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Geboren wurde er in einer Holzhütte, die in der Nähe von Cleveland im Staat Ohio stand. Neben der Schule musste er schon als Jugendlicher Geld verdienen, um seine verwitwete Mutter zu unterstützen. 1856 schloss er sein Studium am Williams College in Massachusetts ab und ging als Mathematiklehrer zurück nach Ohio an das Hiram College. Drei Jahre später wurde er Mitglied des Senats von Ohio.

Im Jahr 1876, als Garfield Kongressabgeordneter war, entdeckte er einen
interessanten Beweis des pythagoreischen Lehrsatzes, der im
New England Journal of Education abgedruckt wurde.

Auf den ersten Blick ist man von Garfields Beweisidee vielleicht
verblüfft. Wie kam er wohl auf die Idee, die beiden kongruenten
rechtwinkligen Dreiecke auf die gezeigte Art aneinanderzusetzen
und zu einem Trapez zu ergänzen?
Ein zweiter Blick und (oder) etwas Nachdenken lüften das Geheimnis. So außergewöhnlich wie zunächst angenommen ist dieser Einfall gar nicht. Wir kennen nämlich bereits die Garfield-Konfiguration, genauer gesagt, die Garfield-Konfiguration in einer erweiterten Form. Wir müssen uns nur an den Ergänzungsbeweis erinnern, der nach Bretschneider auf die Pythagoreer zurückgeht. Hier haben wir u.a. das Hypotenusenquadrat betrachtet, das durch vier kongruente rechtwinklige Dreiecke zu einem größeren Quadrat ergänzt wird.

Zeichnen wir in das Hypotenusenquadrat eine Diagonale ein und zerschneiden die Gesamtkonfiguration längs dieser Diagonale, so erhalten wir die Garfield-Konfiguration, und zwar gleich zweimal.

Vielleicht ließ sich Garfield auf die gezeigte Art von dem antiken Beweis inspirieren. Durch seinen andersartigen, konstruktiven Zugang hat er - bewusst oder unbewusst - die Quelle ``verschleiert''.
Die Garfield-Konfiguration eignet sich aber nicht nur für einen
Beweis des Satzes von Pythagoras. Sie liefert auch, geringfügig
modifiziert, eine Beweisvariante für das Additionstheorem der
Sinus-Funktion.
Anstelle der beiden kongruenten rechtwinkligen Dreiecke betrachten
wir zwei rechtwinklige Dreiecke mit der Hypotenusenlänge 1 und
spitzen Winkeln
und
bei A.

Die Fläche der drei Dreiecke ist gleich der Fläche des Trapezes
BCDE, d.h.
Garfield war übrigens nicht der einzige amerikanische Präsident, der
sich mit Mathematik beschäftigte. Von Abraham LINCOLN
(1809 - 1865) weiß man, dass er sich als Jurastudent, um sein
logisches Denkvermögen zu schulen, intensiv mit den Elementen
des Euklid befasste. In einer autobiographischen Skizze erinnerte
er sich später (zitiert nach Dunh):
I said, ``Lincoln, you can never make a lawyer if you do not understand what demonstrate means''; and I left my situation in Springfield, went home to my father's house, and stayed there till I could give any proposition in the six books of Euclid at sight. I then found out what `demonstrate' means, and went back to my law studies.
Zu dieser beachtlichen Leistung kann man Lincoln gratulieren, denn die Bücher I bis VI enthalten eine ansehnliche Anzahl von Propositionen, insgesamt sind es 173.
Garfield und Lincoln hatten dasselbe gewaltsame Ende, sie
wurden beide erschossen. Mag dies der Grund sein, warum sich
amerikanische Präsidenten nicht mehr mit Mathematik befassen?
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Matthias Ehmann