Professor Baptist, kürzlich erregte eine internationale Studie, die "Third International Mathematics and Science Study" (TIMSS), Aufsehen, nach der die Schüler in Deutschland bei den Mathematikkenntnissen im internationalen Vergleich einen Mittelplatz einnehmen. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe hierfür?
Baptist: Gründe
so ohne weiteres auf den Punkt zu bringen, ist ziemlich schwierig. Das
gesellschaftliche Klima mag eine Ursache sein, da Unkenntnis in Mathematik
in Deutschland eher als Zierde denn als Makel angesehen wird. Ferner ist
zu beobachten, daß die Lern- und Leistungsbereitschaft nicht mehr
so ausgeprägt ist.
Sicherlich muß auch die Art und
Weise, wie Mathematik unterrichtet wird überdacht werden Nach TIMSS
kamen die deutsche Schuler beim Lösen von Routineaufgaben ganz
gut zurecht, aber sobald es um Verständnisfragen ging, schnitten sie
ziemlich schlecht ab.
Dies bestätigt meinen Eindruck, daß
in unserem Mathematikunterricht zu sehr reproduktives, rezeptives und sogar
schablonenhaftes Denken gepflegt wird. Anleitung und Gelegenheit zum selbständigen
Arbeiten, zum aktiventdeckenden Lernen erhalten unsere Schüler verhältnismäßig
selten.
Heißt das, daß man die Lehrerbildung verbessern, verandern muß?
Baptist: In Bayreuth
bilden wir die zukünftigen Mathematiklehrerinnen und -lehrer unter
den genannten Gesichtspunkten aus. Auch in der Lehrerfortbildung arbeiten
wir in diesem Sinn.
Dazu gehört auch, Mathematik als
integralen Bestandteil unserer Kulturgeschichte erleben zu lassen und an
mathematischen Themen das Lernen zu lehren. Ändern müssen wir
meines
Erachtens die Situation in den Schulen,
damit aktiv-entdeckender Unterricht besser verwirklicht werden kann. Dazu
brauchen wir unter anderem vernünftige Klassengrößen eine
teilweise Reduzierung der schriftlichen Leistungsnachweise, ein stärkeres
Zusammenarbeiten der Lehrkräfte und die Unterstützung der Eltern.
Also nach Ihrer Auffassung geht es darum, in der Schule selbst anzusetzen und dort organisatorische Verbesserungen vorzunehmen, die dann auch dem Unterricht zugute kommen?
Baptist: Das
ist richtig. Wenn wir zum Beispiel den so hochgelobten japanischen Mathematikunterricht
ansehen, dann stellen wir fest, daß dort kein anderer Stoff als bei
uns unterrichtet wird, aber die Vorgehensweise unterscheidet sich.
Bei uns hetzen Lehrer oftmals von einem
Schulaufgabentermin zum nächsten, führen die Schüler in
kleinen, wohlüberlegten Schritten zum Ziel und lassen ihnen somit
kaum Spielraum für eigene Gedanken. Natürlich gibt es auch viele
Lehrkräfte, die mit dieser Situation nicht zufrieden sind, die sich
selbst unterrichtliche Freiräume schaffen. Diese Bemühungen müssen
wir nachhaltig unterstützen und fördern.
Gefordert ist auch die Schulaufsicht die
mehr im positiven Sinn in Erscheinung treten sollte, indem sie ihren Beratungscharakter
verstärkt wahrnimmt.
Das bayerische Kultusministerium hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt und Sie als einzigen Hochschullehrer in diese Gruppe berufen. Die soll nun Vorschläge erarbeiten. Wie werden die lauten?
Baptist: TIMSS
wird als Anstoß empfunden, um einen "Qualitätssprung Mathematik"
auf den Weg zu bringen.
Dazu erarbeiten wir ein Paket von Maßnahmen
mit dem Ziel, die Motivation und das Ansehen der Lehrkräfte zu verbessern
sowie die Schul- und Unterrichtsqualität allgemein und insbesondere
im Fach Mathematik anzuheben. Einige Punkte habe ich bereits angesprochen,
auch die Lehrerausbildung und eine engere Verzahnung ihrer einzelnen Phasen
sind in der Diskussion. Von zentraler Bedeutung ist natürlich, daß
wir die Lehrkräfte von unseren Ideen überzeugen und dafür
gewinnen können.
Zwei Neuerungen mochte ich hier gesondert
ansprechen: einen Landeswettbewerb Mathematik für die Mittelstufe
und ein - zunächst freiwilliges - Evaluierungsverfahren, das je nach
Schulart zu Beginn der neunten beziehungsweise siebten Jahrgangsstufe stattfinden
soll.
Wird das benotet?
Baptist: Die Evaluierung geht nicht in die Benotung der Schüler ein. Für den Zeitpunkt zu Beginn des Schuljahres habe ich mich sehr eingesetzt, um die Versuchung nicht aufkommen zu lassen, den Unterricht auf die Evaluation auszurichten und dadurch eigentliche Ziele, wie zum Beispiel das mathematische Verständnis, zu vernachlässigen.
Welche Auswirkungen hat das Verfahren für die Schulen?
Baptist: Es ist
daran gedacht, daß die Evalution mit dazu beiträgt die Qualtiät
des Unterrichts in Mathematik im gegenseitigen Vergleich der Schulen festzustellen.
Als Motivation für die Teilnahme
werden zusätzliche Sachmittel und/oder zusätzliche Wahlunterrichtskontingente
für erfolgreiche Schulen erwogen. Gleiches gilt für die am Landeswettbewerb
Mathematik teilnehmenden Schulen
Glauben Sie, daß die Vorschläge der Arbeitsgruppe beim Kultusministerium Gehör finden werden?
Baptist: Ich
denke schon, denn die deutschen Ergebnisse vom TIMSS haben auch einige
Politiker, sogar bis in die Staatskanzlei hinein, aufgeschreckt. Es besteht
somit große Hoffnung, daß die Arbeitsgruppe Gehör findet.
Man mag über TIMSS denken wie man
will, die Studie hat in meinen Augen schon viel bewirkt. Diesmal wird nicht
nur über Mathematikunterricht oder Schule geredet, sondern es besteht
auch die Bereitschaft, daß gehandelt wird.
Dies betrifft auch die Ausbildung an der
Universität und insbesondere die Leherfortbildung.