Überlegungen zur TIMMS-Studie

Ergebnisse - Ursachen - Konsequenzen

HANS-GEORG WEIGAND

aus Mathematik in der Schule 35 (1997) Heft 10 erschienen im Pädagogischen Zeitschriftenverlag
 

In den letzten Wochen und Monaten sorgte die TlMSS-Studie deutschlandweit für gehöriges Aufsehen. Nach dieser internationalen Studie (TIMSS: Third International Mathematics and Science Study), die den mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht in 41 Ländern der ganzen Welt vergleicht und bewertet, belegt Deutschland im Fach Mathematik nur Platz 23; auf den vordersten Plätzen sind die Länder Japan, Korea und Singapur zu finden. Viele europäische Länder, wie Schweiz, Österreich, Dänemark, Schweden, Tschechien oder Slowenien, belegen bessere Rangplätze. Nach vielen Vorabmeldungen in der Tagespresse wie "Deutsche Schüler in Mathe nur mittelmäßig", "Mathematik in deutschen Schulen ein Sorgenfach", "Blauer Brief für Mathematikunterricht" ist jetzt der offizielle Bericht für die Bundesrepublik Deutschland erschienen (s. [1]). Im folgenden wird die Durchführung des Tests im Rahmen dieser Studie kurz beschrieben, anschließend werden die für den deutschen Mathematikunterricht wesentlichen Ergebnisse herausgestellt und mögliche Konsequenzen aufgezeigt.

1 Test und Testdurchführung

Im Schuljahr 1994/95 nahmen weltweit über 550000 zum einen 9- und 13jährige Schüler sowie zum anderen Schüler des Abschlußjahrgangs an einem Test mit Aufgaben aus der Mathematik und den Naturwissenschaften teil. In Deutschland beteiligten sich an dem Test 7000 Schüler aller Schularten der Jahrgangsstufen 7 und 8 sowie Schüler aus den Abschlußklassen (1) aus 15 Bundesländern (Ausnahme war Baden-Württemberg). Die Studie wurde von der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) organisiert. In Deutschland wurde die Untersuchung vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, vom Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel und von der Humboldt-Universität zu Berlin begleitet.

Die Aufgaben waren durch ein internationales Expertengremium so ausgewählt worden, daß sie dem Standardstoff der Klassen 7 und 8 entsprachen. Der Test beinhaltete Aufgaben unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades aus Arithmetik, Algebra, Geometrie und Stochastik. Unter Nutzung der Item-Response-Theorie wurde der Schwierigkeitsgrad auf einen internationalen Mittelwert von 500 standardisiert (S. 50) (2). Ein Fähigkeitsniveau von 500 bedeutet, daß "Routineverfahren bei zentralen vom Lehrplan vorgegebenen Stoffen hinreichend beherrscht" werden. Der Test wurde von den Probanden in drei Schulstunden bearbeitet. Leider sind in dem Bericht nur einige ausgewählte Testaufgaben enthalten, da "eine Wiedergabe des gesamten Tests ... aus Gründen der Testsicherheit nicht möglich" (S. 41) sei und manche Testaufgaben noch für einen Langzeittest verwendet werden sollen. Einige Beispiele für Testaufgaben sind im Anhang dieses Beitrags wiedergegeben.

2 Ergebnisse

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, daß die Mathematikleistungen der deutschen Schülerinnen und Schüler der 8. Jahrgangsstufe einem Fähigkeitsniveau entsprechen, "auf dem mathematische Routineverfahren ... einigermaßen sicher ausgeführt werden können" (S. 56). "Die relativen Leistungsstärken der deutschen Schülerinnen und Schüler liegen in der Arithmetik, im Umgang mit Maßeinheiten und in der deskriptiven Statistik. Die relativen Schwächen liegen in den mathematischen Kernbereichen Algebra und Geometrie" (S. 57). Die Schülerinnen und Schüler aus den neuen Ländern erreichen dabei bessere Ergebnisse als die der alten Bundesländer.

Die Studie folgert weiterhin, daß die Mathematikleistungen der Spitzengruppe, also der oben aufgezählten asiatischen Länder, "in einer für deutsche Schüler und Schülerinnen unerreichbaren Höhe" liegen, sie stellen ein "qualitativ anderes Niveau mathematischen Verständnisses" dar (S. 23 u. S. 57). Dabei liegt die Stärke der asiatischen Schüler aber nicht im "Memorieren von Formeln und der Beherrschung von Rechenroutinen", sondern sie liegt bei Fähigkeiten, die auch in Deutschland zu den angestrebten Zielen des Mathematikunterrichts gehören, nämlich "im mathematischen Denken, im Lösen innermathematischer Probleme und in der Anwendung mathematischer Modelle und Verfahren auf quantitative Alltagsprobleme" (S. 94).
Beim Vergleich der verschiedenen Schulformen (Gymnasium, Realschule, Hauptschule und Gesamtschule) ist das durchschnittliche Fähigkeitsniveau des Gymnasiums - wie erwartet - am höchsten, es treten allerdings in allen Schulformen große Leistungsstreuungen auf. Betrachtet man ausschließlich die Leistungen der deutschen Gymnasiasten, dann stehen diese in der Gesamtrangliste auf Platz 6, die japanischen Schüler schneiden aber immer noch besser ab, obwohl das japanische Schulsystem bis einschließlich der neunten Klasse ein Einheitsschulsystem ist, das keine Differenzierung und kein Sitzenbleiben kennt.

Die Kultusminister der Länder haben sich darauf geeinigt, daß Vergleichsuntersuchungen zwischen einzelnen Bundesländern nur vertraulichen Charakter haben, und auch die Autoren der Studie geben zu bedenken, daß TIMSS "aufgrund der Untersuchungsanlage keinen systematischen Vergleich zwischen Schulleistungen verschiedener Bundesländer erlaubt" (S. 113), sie weisen aber dennoch darauf hin, daß es zwischen einzelnen Bundesländern erhebliche Unterschiede geben kann. In dem TlMSS-Bericht sind die mittleren Fähigkeitsniveaus zweier mit A und B bezeichneter Bundesländer aufgeführt (wobei es sich um die Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen handeln soll), bei denen Leistungsunterschiede auftreten, die dem "Leistungsfortschritt von 1,5 Schuljahren" (S. 114) entsprechen. Geheimhaltung von Daten ruft Spekulationen hervor. So meldet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 6. März 1997, daß die Studie erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern zeige: "Bei den naturwissenschaftlichen Ergebnissen ... stünde Bayern im innerdeutschen Vergleich an erster Stelle und gehörte im internationalen Vergleich zu den sieben führenden Ländern". Die "Süddeutsche Zeitung" vom 11. März 1997 berichtet: "Österreichs Schüler sind besser als die bayerischen", und der bayerische Philologenverband schreibt in der Aprilausgabe seiner Verbandszeitschrift "Das Gymnasium in Bayern": "Bayerns Schüler national und international vorne". Alle diese Aussagen lassen sich mit dem TIMSS-Bericht nicht belegen.

Weitere Ergebnisse der TlMSS-Studie sind, daß die Leistungsfortschritte von der 7. zur 8. Klasse in Deutschland im internationalen Vergleich eher gering sind (S. 114), daß sich - im Gegensatz zu den Naturwissenschaften - Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen nicht nachweisen lassen (S. 150) und daß Deutschland in den naturwissenschaftlichen Fächern in allen Schulformen günstigere Ergebnisse als in Mathematik erzielt (S. 139).

3 Ursachen

Worin liegen die Gründe für das unterschiedliche Abschneiden der europäischen und asiatischen Länder? Die Studie trägt den Untertitel "Deskriptive Befunde", dennoch werden aus dem Bericht auch Gründe und Ursachen für das unterschiedliche Abschneiden deutlich. So erhalten in Japan 64 Prozent der Achtkläßler wöchentlich ein bis zwei Stunden zusätzlichen nachmittäglichen oder abendlichen Mathematikunterricht. Eine Umfrage mittels Fragebogen ergab deshalb auch, daß japanische Lehrer viel stärker auf "selbstreguliertes Lernen und auf Unterstützungsleistungen (setzen), für die das Elternhaus bzw. private Nachmittags- und Abendschulen verantwortlich sind" (S. 213). Doch diese gesellschaftlichen Einflüsse allein können die aufgetretenen Leistungsunterschiede nicht erklären, denn auch europäische Länder wie die Schweiz, Schweden oder Tschechien schneiden bei der TlMSS-Studie erheblich besser als Deutschland ab. Auch beschäftigen sich japanische Schüler wöchentlich außerschulisch nicht länger mit Mathematik Allerdings hat das Schuljahr in Japan 30 Unterrichtstage mehr als in Deutschland, was vielleicht doch zu einer kontinuierlicheren Arbeit führt (S. 200).

Zum zweiten mögen Altersstruktur, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte eine Rolle spielen. Japanische Lehrer unterrichten im Durchschnitt 16 Stunden in der Woche (deutsche Lehrer 24 Stunden), 60 Prozent von ihnen sind unter 40 Jahre alt (in Deutschland 15 Prozent; die Hälfte der deutschen Lehrkräfte gehört der Altersgruppe der über 50jährigen an), sie sind aber täglich ca. 9 Stunden in der Schule anwesend, was zu stärkerer Kooperation und gemeinsamer Unterrichtsvorbereitung führt (S. 201). "Aufgrund dieser langen Aufenthaltszeiten im Schulgebäude ergeben sich für japanische Lehrer häufig Austauschmöglichkeiten mit Kollegen, die sie offenbar auch nutzen" (S. 208). Allerdings ergeben sich für englische Lehrkräfte die gleichen Möglichkeiten, England liegt aber bei der TlMSS-Studie noch hinter Deutschland.

Zum dritten mag die Umsetzung und Verwirklichung methodischer und didaktischer Ideen im Schulalltag eine Rolle spielen. In Deutschland ist - sicherlich auch geprägt durch die Erfahrungen mit der "New Math" oder "Mengenlehre" in den 70er Jahren - die Skepsis gegenüber neuen didaktischen Entwicklungen groß, und aufgrund der Dezentralisierung des Bildungssystems finden Neuerungen häufig nur sehr langsam den Weg in den Unterrichtsalltag. Beispiele hierfür sind die Diskussionen um die Bedeutung der Stochastik oder um den Einsatz neuer Technologien. In Japan wird dagegen das Curriculum zentral vom Erziehungsministerium bestimmt. Etwa alle 10 Jahre wird es nach aufwendigen Expertenanhörungen geändert. Neue Inhalte und vielleicht auch neue Methoden oder Ideen können sich dadurch schneller in der Unterrichtspraxis niederschlagen. Zu den "bemerkenswerten Befunden" der Studie gehört deshalb "die harmonische, geradezu selbstverständlich wirkende Realisierung eines modernen Mathematikunterrichts in Japan" (S. 233). Hierzu paßt auch, daß in Japan auf die Ergebnisse der TlMSS-Studie sofort reagiert wurde. Obwohl Japan auch in den naturwissenschaftlichen Fächern einen Spitzenplatz unter den ersten Drei einnimmt, der Vorsprung hier aber nicht so groß ist wie in Mathematik, war dies Anlaß genug, sich verstärkt um eine Intensivierung des elementaren naturwissenschaftlichen Unterrichts in der Grundschule zu bemühen (S. 222).

Eine vierte mögliche Ursache mag in der inhaltlichen und methodischen Gestaltung des Unterrichts liegen. Um genauere Aussagen über den tatsächlichen Ablauf von Unterricht zu erhalten, wurden in der Zeit von Oktober 1994 bis Mai 1995 in Deutschland, Japan und den USA Unterrichtsstunden auf Video aufgenommen, anschließend analysiert und hinsichtlich eines Dreiländervergleichs ausgewertet. In Deutschland wurden 100, in Japan 50 und in den USA 81 achte Klassen in die Studie einbezogen. Diese Videoaufzeichnungen erlauben es, weitere Gründe und Ursachen für unterschiedliche Ergebnisse in den einzelnen Ländern anzugeben. So ist - nach Ansicht der Autoren dieser Studie - der deutsche Unterricht dahingehend angelegt, neuen Stoff in einem Unterrichtsgespräch zu erarbeiten, das auf eine einzige Lösung hinführt, der Rest der Stunde wird dann mit Einüben verbracht. Eine Unterrichtsstunde in Japan verläuft anders. Hier stellt der Lehrer zu Beginn der Stunde ein "anspruchsvolles Problem", die Schüler beschäftigen sich damit zunächst einzeln oder in Gruppen, im Unterrichtsgespräch werden anschließend verschiedene Lösungswege diskutiert, der Lehrer faßt dann die Ergebnisse zusammen und stellt daraufhin ein ähnliches Problem. "Japanischer Mathematikunterricht ist Problemlöseunterricht" urteilen die Autoren der Studie, wohingegen der Mathematikunterricht in Deutschland und den USA eher auf das Beherrschen von Verfahren ziele. "Japanische Schüler nehmen nicht anderen oder mehr mathematischen Stoff durch als deutsche Schüler, sondern denselben Stoff variationsreicher und mathematisch anspruchsvoller". Japanischer Mathematikunterricht ist auf individuelle Erarbeitung mathematischen Problemverständnisses ausgerichtet (vgl. S. 226). "Während jedoch im deutschen Mathematikunterricht das fragend-entwickelnde Unterrichtsgespräch konvergent auf einen Beweis, ein Verfahren oder eine Lösung hinführt, nutzen japanische Mathematiklehrer systematisch alternative Vorstellungen oder Lösungswege, die Schüler entwickeln, zur Freilegung des mathematischen Problems" (S. 227).

4 Konsequenzen

Es ist der TlMSS-Kommission uneingeschränkt in der Auffassung zuzustimmen, daß die Beherrschung der Muttersprache, ausreichende Kenntnisse in einer modernen Fremdsprache und der "sichere Umgang mit mathematischen Symbolen und Modellen in modernen Informations- und Kommunikationsgesellschaften zum Kernbestand kultureller Literalität" (S. 59) gehören. Ein Land, dessen wertvollster Rohstoff das "know-how" seiner Bevölkerung ist, muß angesichts globaler Konkurrenz und unter dem Druck stetiger Modernisierung auf eine tragfähige Ausbildung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich größten Wert legen, wenn es auch weiterhin einen Platz unter den führenden Industrienationen beanspruchen will.

Welche Konsequenzen sollten somit aus den Ergebnissen der TlMSS-Studie für den zukünftigen Mathematikunterricht gezogen werden? Bereits nach der Veröffentlichung der ersten Vorabergebnisse der deutschen TlMSS-Studie im März dieses Jahres mahnten Bildungspolitiker, Fach- und Erziehungswissenschaftler und Lehrerverbände Änderung an. Es wurde gefordert, das "bürgerliche Trauerspiel" ,Mathematik in Deutschland' (J. BRÜNING in der FAZ vom 14. Juli 1997) zu beenden oder endlich von "pädagogischen Wunschvorstellungen Abschied zu nehmen" (H. SCHMOLL in FAZ vom 27. Mai 1997). Die Kultusministerien der Länder haben ebenfalls sofort reagiert und wollen zukünftig die Schulen regelmäßig testen lassen. Nun gibt es hinsichtlich der Durchführung und Auswertung der TlMSS-Studie noch zahlreiche offene Fragen. Viele der im Test verwendeten Aufgaben sowie die Unterrichtsmitschnitte auf Videobändern sind noch nicht allgemein zugänglich. Es ist unklar, inwieweit manche Länder die Auswahl der Testklassen bzw. der "Videoklassen" beeinflussen konnten. Schließlich trägt auch die Geheimhaltung der Ländervergleichstests nicht dazu bei, konstruktive Schlußfolgerungen ziehen zu können.

Im folgenden wird deshalb einerseits vor einer Überinterpretation der TIMSS-Studie und vor überschnellen Reaktionen auf diese Studie gewarnt, zum anderen aber auch auf die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Mathematikunterricht hingewiesen. Aus den - heute bekannten - Ergebnissen der TlMSS-Studie können zumindest einige Folgerungen gezogen werden. Diese sind nicht neu oder gar revolutionär; sie plädieren dafür, didaktische und methodische Vorschläge und Ziele, die in der Fachdidaktik schon häufig als wichtig herausgestellt wurden, auch in der Unterrichtspraxis ernster zu nehmen.

4.1 Folgerungen

In Japan sind durchschnittlich etwa 40 Schüler in einer Klasse, in Deutschland sind es 24, was auch im internationalen Vergleich relativ wenig ist (S. 212). Die hohe Klassenstärke wirkt sich in Japan auf die Ergebnisse der TIMSS-Studie offensichtlich nicht negativ aus. Vielleicht hatten die bei großen Klassen notwendigen Differenzierungsmaßnahmen sogar einen positiven Effekt. Hierfür spricht auch, daß die neuen Bundesländer bei der TlMSS-Studie besser abgeschnitten haben als die alten Bundesländer, was auch auf eine stärkere Berücksichtigung von Differenzierungsmaßnahmen zurückzuführen sein mag. Im Einheitsschulsystem der ehemaligen DDR war es für viele Lehrkräfte alltägliche Praxis, leistungsschwache Schüler zu fördern, aber leistungsstarke nicht zu vernachlässigen. Diese Unterrichtsmethodik mag auch heute noch nachwirken.
  In Deutschland herrscht der fragend-entwickelnde Unterricht vor, in England dagegen ist es die - derzeit unter starker Kritik stehende - Individualisierung des Unterrichts. Die Ergebnisse der TlMSS-Studie lassen sich nicht für oder gegen eine bestimmte Unterrichtsform verwenden. Auch geht eine starke Lehrerdominanz im Unterricht nicht automatisch mit Inaktivität, Passivität und schlechteren Leistungen der Schüler einher: 70 Prozent der Äußerungen in einer Unterrichtsstunde entfallen in Deutschland auf den Lehrer, in Japan und den USA sind es über 80 Prozent (S. 231). Die Verfasser der Studie warnen deshalb auch vor der "vor allem in der allgemeinen Didaktik ... verfolgten Strategie, die Struktur des lehrergeleiteten Fachunterrichts grundsätzlich in Frage zu stellen" (S. 233).
  Mathematische Themen werden im japanischen Unterricht im allgemeinen in früheren Jahrgangsstufen als in Deutschland und in den USA eingeführt (S. 178). Die spätere Behandlung in Deutschland zeigt aber keine Vorteile, sie führt beispielsweise nicht zu einer intensiveren Behandlung der Lerninhalte. Darüber hinaus sind die Leistungsfortschritte innerhalb eines Jahres in Deutschland gegenüber anderen Ländern eher gering. Diese Aussage der TlMSS-Studie ist sehr ernst zu nehmen, und es muß genauer nachgeforscht werden, worin die Leistungsdefizite deutscher Schüler im einzelnen bestehen. Als ein Vorbild hinsichtlich einer langfristigen Strategie der Leistungsentwicklung können hier die USA gelten, die 1989 sog. "Standards" als allgemein verbindliche Lernziele einschließlich entsprechender Evaluierungsmaßstäbe entwickelt haben und diese derzeit mit einem immensen Aufwand an Fortbildung und Forschungstätigkeiten im Unterricht zu verwirklichen suchen.
  Eine der vielleicht wichtigsten Erfahrungen aus vielen Modellversuchen der letzten Jahre ist es, daß eine "gute" Schule nicht durch organisatorische Maßnahmen zu gewinnen ist, sondern daß der gute Lehrer die Grundvoraussetzung für einen effektiven Unterricht bleibt. "Reformen sind eine Sache von Menschen, nicht von Papier" (FREUDENTHAL). In ähnlicher Weise stellt die Denkschrift der Bildungskommission von Nordrhein-Westfalen hinsichtlich der Einschätzung der schulischen Reformvorhaben von 1970 bis 1995 fest: "Es gehört zu den entscheidenden Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, daß schulorganisatorische Gesamtveränderungen in Richtung auf gänzlich neue Systemstrukturen nicht akzeptiert werden" ([2], S. 15). Hieraus ergibt sich zum einen die Bedeutung der Lehreraus- und -weiterbildung und zum anderen, daß Schule letztlich nur sukzessive und allmählich veränderbar ist. Zukünftig wird der Zusammenarbeit von Schule und Hochschule, der Zusammenarbeit von Fachdidaktik und Schulpraxis eine größere Bedeutung zukommen müssen. Dabei wird die Fachdidaktik zu zeigen haben, daß die zahlreichen von ihr entwickelten Unterrichtsvorschläge auch in der täglichen Praxis tragfähig sind. Die deutsche Fachdidaktik wird sich auch darüber Gedanken machen müssen, warum ein Land ohne professionelle Fachdidaktik - wie etwa die Schweiz - in der vorderen Gruppe der "TlMSS-Rangliste" zu finden ist (deutschsprachige Schweiz: 4. Platz; Schweiz insgesamt: 10. Platz).
  "Die zum Lernen verfügbare Zeit ist ein wichtiger - wenn nicht der wichtigste Faktorfür den Lernerfolg" (S. 199). Nun ist es sicherlich nicht möglich, von der reinen Stundenzahl, die etwa zur Behandlung von linearen Gleichungen in der 8. Klasse aufgewendet wird, auf die Intensität des Unterrichts zu schließen. Dennoch weist der TlMSS-Bericht deutlich darauf hin, daß den methodischen Möglichkeiten im Unterricht dann Grenzen gesetzt sind, wenn nicht genügend Zeit zu deren Verwirklichung zur Verfügung steht. Die Realisierung didaktischer Ideen führt nicht zur "Verschlankung" des Mathematikunterrichts, sie führt auch nicht dazu, daß in kürzerer Zeit mehr gelernt wird, wohl aber muß sie zu einem besseren Verständnis mathematischer Inhalte führen

4.2 Kritische Einwände

Wenn von einem problemlösenden Unterricht gesprochen wird, dann denkt man an Aufgaben, die den Lernenden in der Weise fordern, daß er nicht einfach bekannte Algorithmen anwenden, sondern daß er selbst Lösungsstrategien entwickeln, anwenden und überprüfen muß. Lernen, Probleme zu lösen, ist ein zentrales Ziel des Mathematikunterrichts. Im folgenden sind zwei Beispiele der unter der Kategorie "problem solving" eingestuften Aufgaben (3) der TIMSS-Studie angeführt:

Beispiel 1

Zwei Touristengruppen bestehen aus jeweils 60 Personen. Wenn 3/4 der ersten Gruppe und 2/3 der zweiten Gruppe mit einem Bus zum Museum fahren, wie viele Personen aus der ersten Gruppe sind dann mehr in dem Bus als aus der zweiten Gruppe?

Beispiel 2

Ein Chemiker mischt 3,75 ml einer Flüssigkeit A mit 5,625 ml einer Flüssigkeit B zu einer neuen Mischung zusammen. Wie viele ml enthält diese neue Mischung?

Mit diesen Aufgaben kann sicherlich nicht die "Problemlösefähigkeit" von Lernenden überprüft werden. So hat auch in Amerika das Wort "problem solving" eine viel weitergehende Bedeutung als in Deutschland. Von daher sind Ergeb nisse der TlMSS-Studie mit Vorsicht zu beurteilen, die deutschen Schülern eine geringere Problemlösefähigkeit zubilligen.
 

Sowohl die Diskussion um die Habilitationsschrift von H.-W. HEYMANN (im Anschluß an die Pressemeldung "Sieben Jahre Mathematik sind genug") als auch die Ergebnisse der TlMSS-Studie weisen uns wieder einmal auf die Notwendigkeit hin, sich der Ziele des Mathematikunterrichts bewußt zu werden. Geht man von dem HEYMANNschen Katalog der Aufgaben der allgemeinbildenden Schule (Lebensvorbereitung, Weltorientierung, Entfaltung von Verantwortungsbereitschaft, Einübung in Verständigung und Kooperation ...) oder auch von den weitgehend akzeptierten Lernzielen des Mathematikunterricht (Mathematisieren lernen, Begriffe bilden lernen, heuristische Strategien kennenlernen, Beweise lernen ...) aus, dann beziehen sich die zum Lösen der TlMSS-Aufgaben benötigten Fähigkeiten nur auf einen kleinen Teil dieser Ziele. Wenn zukünftig verstärkt Schule und Unterricht getestet werden sollen, dann müssen auch Methoden entwickelt werden, die es ermöglichen, das Erreichen dieser übergeordneten formalen Lernziele des Mathematikunterrichts zu überprüfen.
  Japanische Schüler beschäftigen sich im Mathematikunterricht mit den gleichen Inhalten wie deutsche Schüler. Der japanische Unterricht stellt aber "mathematisch anspruchsvolle Probleme in den Mittelpunkt des Mathematikunterrichts" (S. 232), und er ist "mathematisch rigoroser: In 50 Prozent der beobachteten Stunden werden mathematische Beweise geführt" (S. 229). Hier müssen sicherlich die Videobänder noch eingehender analysiert werden: Was sind "anspruchsvolle Probleme", und was sind "mathematische Beweise"? Diese Begriffe können sehr weit ausgelegt und auf unterschiedlichen Verständnisebenen entwickelt werden. Auch bleibt unklar, was darunter zu verstehen ist, daß "der japanische Mathematikunterricht in sich enger vernetzt (ist), als dies in Deutschland oder den USA der Fall ist" (S. 229). Die TlMSS-Studie weist aber dennoch darauf hin, daß für das Erreichen einer mathematischen Lernkompetenz die Unterrichtsinhalte nicht beliebig austauschbar sind und daß sich das Reduzieren von Anspruchsniveaus nicht unbedingt förderlich auf das Verständnis auswirkt.
  Im Rahmen der TlMSS-Studie spielte der Einsatz neuer Technologien (Taschenrechner, Computer) keine Rolle. Auch findet der Mathematikunterricht in den asiatischen Ländern weitgehend ohne diese neuen Technologien statt (vgl. [3]). Die Ergebnisse der TlMSS-Studie dürfen aber nicht dazu führen, den Unterricht ausschließlich auf das traditionelle Lösen von Aufgaben auszurichten und darüber die Chancen des Einsatzes neuer Technologien zu vergessen. Ein computerunterstützter Unterricht eröffnet nicht nur, sondern erzwingt sogar Unterrichtsmethoden wie verstärktes individuelles Lernen, Partnerund Projektarbeit (vgl. [4]). Darüber hinaus sollte die Möglichkeit genutzt werden, mit Hilfe neuer Technologien neue Zugänge und neue Verständnismöglichkeiten zu klassischen Inhalten zu erreichen. 5 Schlußbemerkungen

Die TlMSS-Studie weist - wieder einmal - auf Defizite unserer Schüler im Bereich des mathematischen Grundwissens hin, sie regt Lehrer an, über die Unterrichtsgestaltung im Mathematikunterricht nachzudenken, und sie stellt allen an Bildungsfragen Interessierten und Verantwortlichen die Aufgabe, sich verstärkt mit den Schulsystemen in asiatischen Ländern auseinanderzusetzen. Der Mathematikunterricht ist in der öffentlichen Diskussion, und das ist gut so. Die Studie stellt aber keinen Anlaß zu Panikreaktionen dar. Sie überprüft nur einen kleinen Teil der im heutigen Mathematikunterricht angestrebten Bildungsziele, sie propagiert einen "Problemlöse-Unterricht", wie er seit vielen Jahren Gegenstand der Lehrerausbildung an Universitäten und Studienseminaren ist, und sie bezieht neuere Entwicklungen wie den Einsatz neuer Technologien im Unterricht nicht ein. Es sollte auch mitbedacht werden, daß sich wie Kenner des japanischen Schulwesens immer wieder herausstellen - die autoritäre Struktur des japanischen Schulsystems mit dem Anspruch an die Schüler, "Schulfragen zu Lebensfragen" zu machen, auf heutige europäische Verhältnisse nicht übertragen läßt (D. ELSCHENBROICH vom Deutschen Jugendinstitut in München in der FAZ vom 15. Mai 1997). Hierfür ist auch bezeichnend, daß das alte SENECA-Zitat "Für die Schule lernen wir, nicht für das Leben" heute meist anders wiedergegeben wird.

Die TlMSS-Studie wird Auswirkungen auf die Gestaltung des gesamten Unterrichts in Deutschland haben. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat das regelmäßige Testen von Schulen bereits angeordnet, 800000 DM werden dafür jährlich veranschlagt. Ferner wurden bereits Expertengruppen zusammengestellt, die Konsequenzen aus der TlMSS-Studie erarbeiten sollen, und es gibt zahlreiche Diskussionsrunden und Arbeitstagungen zu TIMSS (etwa http://www.bezreg-duesseldorf.nrw.de/schule/mathe/chat.htm). In einer Pressemitteilung vom 11. März 1997 zur "Neuorientierung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts" konstatiert der hessische Kultusminister H. HOLZAPFEL: "Didaktik und Methodik des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts in Deutschland stehen nun auf dem Prüfstand". Für die Fachdidaktik gilt es, diese Prüfung zu bestehen.
 

Anmerkungen

 
 
(1) Die Ergebnisse der letzten Gruppe sind in o. g. Bericht [1] noch nicht enthalten. 
 
(2) Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich - falls keine andere Literatur angegeben - jeweils auf [1]
 
(3) in Englisch zugänglich über die Internetadresse: http://wwwcsteep.bc.edu/timss 
 
 

Literatur

 
[1] Baumert, Jürgen; Lehmann, Rainer u. a.: TIMSS - Mathemansch-naturwissenschaftlicher Unterricht im internationalen Vergleich - Deskriptive Befunde. - Leske + Budrich.-Opladen, 1997. 
 
[2] Bildungskommission NRW: Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft. - Luchterhand. - Neuwied u. a., 1995 
 
[3] Ruthven, K.: Computer Algebra Systems in Advanced-level Mathematics: Report to the School Curriculum and Assessment Authority. - University of Carnbridge School of Education. - Cambridge, 1997 
 
[4] Weigand, H.-G.: Was können wir aus der Vergangenheit für den zukünftigen computerunterstützten Unterricht lernen? 10 Thesen. - In: Math. Schule. - Päd. Zeitschriftenverlag. - Berlin 35(1997)6. - S. 322-334 
 

Anhang

Beispiele für Aufgaben aus der deutschen TlMSS-Studie

1. Aus dem Sachgebiet Zahlen und Zahlenverständnis

Aufgabe mittleren Schwierigkeitsgrades:

Drei Fünftel der Kinder einer Klasse sind Mädchen. Wenn 5 Mädchen und 5 Jungen dazukommen, welche der folgenden Aussagen über die Klasse ist dann wahr?

A) In der Klasse gibt es mehr Mädchen als Jungen.
B) Es gibt gleich viele Jungen wie Mädchen in der Klasse.
C) In der Klasse gibt es mehr Jungen als Mädchen.
D) Aufgrund dieser Information kann man nicht sagen, ob es mehr Mädchen oder mehr Jungen in der Klasse gibt.
 

Aufgabe höheren Schwierigkeitsgrades:

Der Preis einer Dose Bohnen wird von 60 Pfennig auf 75 Pfennig erhöht.
Um wieviel Prozent ist der Preis gestiegen?

A)15%     B)20%     C)25%     D)30%
 

2. Aus dem Sachgebiet Algebra

Aufgabe mittleren Schwierigkeitsgrades:

Wenn 3 (x + 5) = 30, dann ist x =

A) 2    B) 5     C) 10     D) 95
 

Aufgabe höheren Schwierigkeitsgrades:

Hier sieht man eine Folge von drei ähnlichen Dreiecken. Alle kleinen Dreiecke sind kongruent (deckungsgleich).
 
Folge von ähnlichen Dreiecken
 
 

 Die Folge ähnlicher Dreiecke wird fortgesetzt bis zur achten Figur. Wie viele kleine Dreiecke würde man für die Figur 8 benötigen?
 

3. Aus dem Sachgebiet Geometrie

Aufgabe mittleren Schwierigkeitsgrades:

In welchem Verhältnis steht bei einem Quadrat die Länge einer Seite zur Länge des Umfangs? A) 1/1

B) 1/2

C) 1/3

D) 1/4
 

Aufgabe höheren Schwierigkeitsgrades:

Die abgebildeten Dreiecke sind kongruent (deckungsgleich). Die Maße einiger Seiten und Winkel sind angegeben.
 
 
kongruente Dreiecke
 
 

Wie groß ist x?