Warum wurde Thales so berühmt?
Thales ist einer der Wendepunkte des europäischen Denkens: Mit ihm beginnt,
was wir Wissenschaft nennen. (Zitat aus [1]).
Homer und Thales
Heuser arbeitet zunächst heraus, daß auch dieses Gedankengut
eine gewissse Tradition hat. Liest man nämlich Homer genauer,
so fällt einem auf, daß sich dort bereits Ansätze eines "rationalen",
"naturerkennenden" Denkens finden. Wir zitieren wichtige Stellen, die darauf
hindeuten aus [1]:
"Homers diesseitiger Geist läßt erstmals aus dem narkotischen
Dunst von Mythos und Magie etwas aufteigen, das wenig später in
Milet festere Konturen gewinnen und dann unser Leben im Guten und
Bösen mächtiger bestimmen wird als alles andere sonst [...] :
Die nur im Medium der Diesseitigkeit mögliche Vorstellung einer
durch sich selbst existierenden, autonomen Natur.
Und damit auch die Vorstellung, die Natur könne vom Menschen
erkannt werden - denn erkennen kann man nur das durch
sich selbst bestehende, das nicht heute oder morgen oder übermorgen
durch "unberechenbare" Eingriffe von außen willkürlich gestört
und aus der Bahn geworfen wird. Nur eine erkannte Natur aber läßt sich
in den Dienst des Menschen stellen. Denn diese übergewaltige Natur
kann der lächerlich kleine Mensch nur "beherrschen", indem er sich
ihr unterwirft; dazu aber muß er ihre Gesetze kennen -
und um die Gestze zu erforschen muß er gegen allen chaotischen Animismus und
Geisterglauben erst einmal den ungeheueren Gedanken fassen, die
Natur sei überhaupt gesetzlich geordnet, sei irgendwie
gesetzlich geordnet, aber eben geordnet, und nicht Spielball
von Göttern, Dämonen und weiteren Zauberentitäten minderen Rangs.
Diese unendlich folgenreiche "Entzauberung der Welt" (Max Weber) hebt an in Ionien,
und sie wird auf den Weg gebracht durch Homer und seine entzaubernde Diesseitigkeit."
[Homer stellte fest:] "Okeanos sei der Ursprung und Anfang sämtlicher Dinge [...]
Man kann den Gedanken nicht abwehren, daß Homer hier den Okeanos gar nicht mehr als
Gott sondern nur noch als dessen Element, das Wasser, gedacht hat
und daß er so den berühmten Satz des Thales vorwegnimmt
(mit dem die abendländische Philosophie begonnen haben soll),
der Ursprung aller Dinge sei das Wasser. [...]
Die Frage nach dem Ursprung der Dinge hat sich seit jeher
den Menschen aufgedrängt; sie wird von allen Völkern
und von allen Kindern gestellt. Erst beim Versuch einer Antwort
scheiden sich die Geister - je nachdem, ob der Ursprung in göttlichen
Akten oder in natürlichen Gegebenheiten gesucht wird.
Erst die zweite Antwort konstituiert die Autonomie der Natur. Es scheint, daß wir sie
Homer verdanken. Die ionischen Naturphilosophen brauchten sie
nur noch weiterzudenken [...]
Die Frage, woraus der Okeanos selbst entstanden sei, übergeht
Homer mit Schweigen; auch Thales wird nicht sagen, woher denn das Wasser kommt [...]
Drückt sich in diesem Schweigen vielleicht nicht schon aus,
was spätere Griechen laut sagen werden, daß nichts entsteht
und nichts zergeht - also das, was noch viel später einer der
fundamentalsten Sätze der Physik und Chemie sein wird:
der Satz von der Erhaltung der Materie (der dann 1905 in dem noch umfassenderen
Satz von der Erhaltung der Energie aufgehen wird)? [...]
Doch es geht hier nicht darum, alten Dichtern und Denkern "Erkenntnisse"
unterzuschieben, schon gar nicht die einer modernen Naturwissenschaft;
das wäre ein lächerliches Unterfangen. Es geht um etwas ungleich
Wichtigeres, aus dem "Erkenntnisse" nach genügend langer Zeit in fast
unheimlicher Weise wie von selbst entstehen: Es geht
um eine völlige Umkehr der Blick- und Denkrichtung - weg von
unberechenbaren Machinationen unberechenbarer Mächte,
hin zum "Projekt geordnete Natur" . Diese ionische Kehre ist die
radikalste Wendung in der menschlichen Geschichte, und sie hat die
radikalsten Folgen gehabt. An ihrem Anfang steht Homer."
Das Neue bei Thales
Des Ruhm des Thales kam nicht von dem Satz "Der Ursprung
aller Dinge ist das Wasser" , auch nicht (wie wir Mathematiklehrer
vielleicht manchmal meinen) durch den Thalessatz (von
dem noch nicht einmal erwiesen ist, daß er wirklich von Thales stammt).
Sondern: Thales verwendet erstmals naturwissenschaftliche Methoden:
-
Vorausberechnung einer Sonnenfinsternis durch Deutung der durch
lange Beobachtungen der Babylonier gewonnenen Erkenntnis von der periodischen
Wiederkehr der Verfinsterungen.
-
Fragt nach einsichtiger Mechanik der Sonnenfinsternisse und findet sie
[1]:
"Thales sagte als erster, daß die Sonne durch den Mond verfinstert
wird, indem dieser unter die Sonne [zwischen Sonne und Erde] tritt."
-
Behauptet als erster, daß der Mond von der Sonne beleuchtet wird.
-
Hebt sich von den Chaldäern ab, die sagen, daß die Gestirne Götter sind
und behauptet in "nüchterner Respektlosigkeit [...], die Sterne bestünden
ganz unerbaulich aus ordinärer Erde, die glühte". [1]
-
Findet, daß der Sonnendurchmesser zum Sonnenkreis dasselbe Verhältnis
hat, wie der Monddurchmesser zum Mondkreis, nämlich
1:720 (was tatsächlich näherungsweise richtig ist).
-
Gibt eine "poseidonfreie" Erdbebentheorie. "Da die Erde (seiner Meinung nach)
auf dem Wasser schwamm, mußte sie schwanken wie ein Schiff,
wenn das Tragewasser in Bewegung geriet - und das war dann ein Erdbeben."
[1]
Zuvor waren die Griechen der Meinung, ein Erdbeben käme
zustande, wenn der Meeresgott Poseidon seinen Dreizack gegen die Erde stößt.
Der wissenschaftliche Geist des Thales
Die in " " stehenden Sätze sind im Folgenden
Zitate aus [1].
-
Seine Theorien sind "angreifbar".
"Die Angreifbarkeit sichert zwar nicht, daß die Wahrheit an den Tag kommt, aber
doch, daß der Unwahrheit das Lebenslicht ausgeblasen wird.
Und das will viel heißen."
-
Beispiel: Thales erklärt, die Überschwemmungen am Nil entstehen durch die
im Hochsommer wehenden Nordostwinde der Ägäis ("Etesien") als Folge eines
Rückstaus.
Versuch, eine Naturerscheinung alleine aus der Natur heraus zu erklären [
ägyptische Erklärung: Chnum, ein göttliches Wesen in Gestalt eines
Widders mit sehr langen Hörnern, "bringt" die Überschwemmungen].
Auch wenn Thales Unrecht hatte: Es handelt sich um eine natürliche und
überprüfbare Erklärung.
-
Zwei ionische Eigentümlichkeiten treten hierbei hervor :
- "In Ionien entsteht das offene wissenschaftliche Gespräch [...] Die
neuen Denker brauchen einander, um auf den richtigen Weg zu kommen."
-
"Die neuen Denker wollen Wissen um des Wissens willen, ohne nach
einem handelbaren Nutzen des Wissens zu fragen. Das
Phänomen der Nilschwelle ist ihnen als solches interessant. Seine
zutreffendste Erklärung ist völlig nutz-los, sie ist in der Tat nutzloser
als die ägyptische vermöge des langgehörnten Chnum."
-
Vorzüge einer Forschung, die das Wissen um des Wissens willen sucht:
-
"Die Forschung kann nach allen Seiten und ohne Ende weitergehen, weil sie
keinen festumrissenen Zweck erreichen will."
-
"Selbst das verborgenste Wissen wird so aufgspürt, und nur so kann
Wissen aus sich selbst heraus immer neues Wissen erzeugen."
Thales als Geometer
-
"Thales [hat] die Geometrie von seiner Ägyptenreise als erster nach Griechenland
gebracht und selbst viele Entdeckungen gemacht [...] Thales gilt
deshalb als Vater der griechischen Geometrie, einer der
größten und wirkungsmächtigsten Leistungen des hellenischen Geistes.
Ohne sie sind Kepler, Galilei und Newton und damit die moderne Welt nicht zu denken."
-
Die ägypische und babylonische Mathematik war eine "Sammlung von
Faustregeln zur Lösung von Aufgaben aus Handel und Gewerbe,
Ackerbau und Staatsverwaltung. Da ging es um Erbschaften und Felder,
Zinsen und Steuern, Ziegelsteine und Getreidesäcke." Nirgendwo sind
Beweise zu finden.
-
Im Gegensatz dazu ruft Thales "die Geometrie als beweisende Wissenschaft
ins Leben." Die einfachen Sätze des Thales "sollten als feste Basis für etwas
bislang nie Erlebtes dienen - für die logische Herleitung der
von Ägyptern und Babyloniern schon empirisch gefundenen Resultate.
Wir erleben hier eine unendlich folgenreiche Premiere; das Stück heißt
"Die wissenschaftliche Geometrie", sein Verfasser ist Thales."
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Auf prakztischen Nutzen hat es Thales bei seinen Beweisen nicht abgesehen -
es ging um Wissenssicherung.
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Thales und seine "Sandgeometrie". Dazu ein Zitat von Platon (ca. 200 Jahre nach
Thales): "[Die Mathematiker] nehmen die sichtbaren
Gestalten zur Hilfe und beziehen ihre Reden auf diese, obschon eigentlich nicht
sie den Gegenstand ihres Nachdenkens bilden, sondern jene, von denen diese
Abbilder sind. Wegen des Vierecks führen sie ihre Beweise, oder wegen
der Diagonale selbst, aber nicht wegen derjenigen, die sie zeichnen... Sie suchen jenes
zu erblicken, das man ausschließlich im Geiste schauen kann."
Heuser dazu: "Für Platon ist das mathematische "Idealisieren", das
mit Thales anhebt und dem Mathematiker "ideale" Objekte
in die Hand gibt, ein Wendepunkt seines Denkens geworden. Es hat
ihn zu seiner Ideenlehre geführt, zu der Vorstellung also, jedes
Erdending sei ein Abbild, ein schlechtes Abbild, eines vollkommenen
Urbilds - einer "Idee" - in einem transzendenten Seinsbereich, so wie der Kreis im
Sand nur ein schlechtes Abbild des vollkommenen Kreises im
Übersinnlichen ist."