Der PC des Pythagoras (SZ vom 09.11.1999)

Computer im Geometrie-Unterricht motivieren vor allem Mädchen

Eine Woche lang besuchten die 3. Klassen der Oldenburger Grundschule Hogenkamp Mathestunden verschiedener Art. Die Hälfte der Kinder lernte am Computer Kreise zeichnen und Würfel bauen, die andere übte wie immer von Hand. Danach stand für alle eine Woche herkömmlicher Geometrie-Unterricht auf dem Stundenplan, es folgte ein gemeinsamer Test. Das Ergebnis: Kein Leistungsunterschied zwischen computergeschulten und normal geschulten Jungen. Die Mädchen allerdings, die zwischendurch am PC gesessen hatten, schnitten plötzlich besser ab als ihre Kameradinnen. „Diese eine Woche am Computer hat sie motiviert“, ist sich die Rektorin sicher. Hilke Knolle findet: „Zum Üben sind Computer immer gut.“

Bei Mathematikprofessorin Kristina Reiss fällt das Fazit zum Hogenkamp-Projekt ähnlich aus. Sie lehrt an der Oldenburger Carl-von-Ossietzky-Universität, betreibt zusammen mit verschiedenen norddeutschen Schulen Mathematik-Didaktik und testet insbesondere den Einfluss von Computern auf Lerneffekte. Eben schloss die Professorin ihre letzte Studie ab, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt wurde. Kristina Reiss’ Resümee: „Der Computer fördert das eigenständige Arbeiten. Im Matheunterricht werden die Kinder zum experimentellen Problemlösen animiert.“

Japaner lernen explorativ

Dieses Ergebnis stützt einen Verdacht, den eine international vergleichenden Studie (TIMS III) vom letzten Jahr nahelegt. Sie hatte ergeben, dass die deutschen Schülerinnen und Schüler mit ihrem Wissen in Mathematik und Naturwissenschaften im Vergleich nur durchschnittlich abschneiden. „Es ist nicht erwiesen“, sagt die Matheprofessorin Reiss, „aber die Japaner stehen bestimmt so gut da, weil dort explorativ gelernt wird.“ Das kindliche Entdecken steht im Vordergrund, während sich die Lehrer zurücknehmen und nur für Fragen zur Verfügung stehen.

In den deutschen Schulen müssen die Pädagogen erst einmal Hardware akquirieren. Sponsoren sind vonnöten, aufgeschlossene und mitfinanzierende Eltern oder wie im Fall des Gütersloher Evangelisch Stiftischen Gymnasiums die Bertelsmann-Stiftung, die dort in den siebten Klassen derzeit ein großes Laptop-Projekt durchführt. Seit zehn Jahren evaluiert Bertelsmann – natürlich nicht ganz ohne Eigeninteresse – zusammen mit dem Gymnasium den schulischen Einsatz von Computer, Internet und Multimedia. Die Testfächer sind meist Mathematik und Kreatives Schreiben, aber auch Biologie oder Sozialkunde. Leistungs- und Motivationssteigerung werden in allen Fächern konstatiert.

Die Frage nach dem „Ob?“ hat der Informatiker Karl-Heinz Becker am Bremer Landesinstitut für Schule nie gestellt. Er legt aber Wert darauf, dass Computer im Unterricht immer mit Informatik zu tun haben. „Sonst bleibt jegliche Interaktivität auf der Strecke.“ Oder die Pädagogen verlieren sich im Überangebot der Software. Als „Nugget“ für den Mathe-Unterricht empfiehlt der Berater Becker nur ein Softwarepaket: Das von der Uni Bayreuth kostenlos vertriebene Geonet.

Trotz der guten Studienergebnisse plädiert auch Professorin Kristina Reiss für eine Computer-Dosierung: „Ich muss mich immer fragen, was ich als Ziel habe. Will ich experimentell ein Problem lösen, ist der Computer das beste Mittel dazu. Sollen die Kinder in Mathe lernen, mit dem Zirkel zu arbeiten, ein Lineal anzulegen, mit dem Geodreieck umzugehen, müssen sie genau das üben. Beim Arbeiten am Computer bleiben die motorischen Fähigkeiten auf der Strecke.“

Dies haben amerikanische Untersuchungen schon in den Siebzigern gezeigt: Fünfjährige, die am PC das Schreiben lernten, hatten keine Lust mehr auf das weitaus schwierigere Handwerk mit dem Stift.

Silvia Plahl