Geonet: Ein virtuelles Schulbuch

Lehrstuhl Mathematikdidaktik entwickelt interaktive Geometrie-Software für Internet

Von Alexandra Borisch

Geometrie ist mehr als Formeln auswendig lernen. Geometrie heißt: verändern, gestalten, konstruieren. So zumindest sollte es nach Ansicht von Professor Peter Baptist, Lehrstuhl für Mathematik und ihre Didaktik an der Universität Bayreuth, sein. Schulbücher lassen in der Regel nur wenig Raum für freie Entfaltungsmöglichkeiten. Was erst einmal schwarz auf weiß gedruckt ist, kann kaum noch verändert werden. Mit dem Internet jedoch ergeben sich neue, ungeahnte Möglichkeiten.

Zum Beispiel das Geonet: Geonet ist ein Programm für dynamische Geometrie im Internet. Es basiert auf einer Arbeit von David E. Joyce. Dr. Alfred Wassermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mathematik und ihre Didaktik, hat das Programm verbessert und die Interaktion des Betrachters ermöglicht. Da es internetfähig ist, kann es universell eingesetzt werden. Geonet kann von jedem, der einen Internet-Anschluß oder ein CDROM-Laufwerk besitzt, mit einem gängigen WWW-Browser nachvollzogen werden. Man kann es in die Schule mitnehmen, sich mit Kollegen oder anderen Schulen austauschen. Es ist keine zusätzliche geometrische Software mehr nötig und es gibt keine Kompatibilitätsprobleme.

Ein Prototyp wurde bereits im Februar 1997 mit großem Erfolg bei einer Tagung der Bertelsmann-Stiftung über neue Medien im Heinz-Nixdorf-Museumsforum in Paderborn vorgestellt, erklärt Baptist.

Das Geonet ist ähnlich aufgebaut wie ein Schulbuch. Theoretische Texte zu den unterschiedlichen Lernbereichen werden kombiniert mit Übungsaufgaben. Der Vorteil gegenüber dem Buch: Die Schüler können mit der Maus Punkte, Geraden, Kreise zeichnen oder bereits bestehende geometri-sche Formen verändern. Sie bekommen keine fertigen Lösungen serviert, sondern sind herausgefordert, eigene Ideen zu entwickeln und auszuprobieren. Auf Mausklick kann sogar der historische Hintergrund abgefragt werden.

Was noch lange nicht heißt, daß die Bücher deshalb vom Schultisch verbannt werden. Als Unterrichtsmaterialien sind sie nach wie vor unentbehrlich. Das Internet sei jedoch eine ideale Ergänzung. Gerade weil es so viele Möglichkeiten bietet, müsse es mehr in der Schule eingesetzt werden. Deshalb setzt sich der Mathematikdidaktiker vehement dafür ein, daß auch Schulen die Hemmungen vor dem neuen Medium verlieren. Denn, so seine Erfahrung: "Der verheißungsvolle Weg nach Multimedia erweist sich für Schulen leider nicht als gut ausgebaute Autobahn, auf der man schnell ans Ziel gelangt, sonder eher als mühevoller, mit vielen Hindernissen gespickter Pfad."

Um wenigstens einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen, wurde der Mathematikdidaktiker selbst aktiv. Zusammen mit seinem Mitarbeiter Dr. Alfred Wassermann hat er das Projekt "WWW-Nutzung für Schulen" gegründet.

Den Internetzugang erhalten die an dem Projekt beteiligten Schulen über das Rechenzentrum der Universität Bayreuth. Die einzigen Kosten, die anfallen, sind die Telefongebühren für die Verbindung Schule-Universität.

15 Schulen sind am Projekt beteiligt. Aus unserem Verbreitungsgebiet sind die Berufsschule II, Bayreuth, das Gymnasium Christian-Ernestinum, Bayreuth, die Landesbildstelle Nordbayern, das Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium, Bayreuth, das Otto-Hahn-Gymnasium, Marktredwitz, die Private Wirtschaftsschule Bayreuth, die Staatliche Realschule II, Kronach, das Richard-Wagner-Gymnasium, Bayreuth, die Robert-Kragler-Volksschule, Creußen, die Staatliche Gesamtschule Hollfeld, die städtische Wirtschaftsschule, Bayreuth, die Volksschule Gefrees und das Wirtschaftswissenschaftliche Gymnasium, Bayreuth, mit dabei.

Weitere Schulen können sich für das Projekt nicht mehr melden, da das erste Ziel - die Vernetzung - bereits abgeschlossen ist. Jetzt geht es vor allem um inhaltliche Fragestellungen. Wie zum Beispiel kommen die Lehrer im Internet an Informationen ran? Wie kann das neue Medium im Unterricht eingesetzt werden?

In einem Punkt sei das Internet dem Buch als Unterrichtsmaterial klar überlegen, so Baptist: Der Schüler bleibt nicht nur Konsument, sondern kann - und soll - auch selber aktiv werden.

Der Mathematikdidatiker ist erstaunt, wie gut das Projekt bei den Schülern ankommt. Sie haben Informationen über ihre Schule und ihren Heimatort gesammelt und daraus eigene Internetseiten kreiert. "Das Internet leistet einen wichtigen Beitrag zur Erziehung zum eigenständigen, kreativen unf verantwortungsvollen Mediengebrauch. Sie erwerben somit eine Medienkompetenz, die als Schlüsselqualifikation für die künftige Kommunikationsgesellschaft nicht nur gefordert wird, sondern tatsächlich erforderlich ist."

Aufgaben fürs Internet

Und sogar der Lehrer profitiert davon. Dr. Wolfgang Neidhardt, Oberstudienrat am Lehrstuhl, stellt gerade Arbeitsblätter mit Übungsaufgaben für das Internet zusammen. Der Lehrer kann sich damit sogar die Schulaufgaben zusammenstellen. Hat Neidhardt keine Angst, daß sich Schüler ebenfalls die Aufgaben über Internet ins Haus holen? "Ein Schüler, der alle Aufgaben durchackert, hat die gute Note wirklich verdient. Denn der hat dann so viel Übung, daß er die Thematik beherrscht." Somit kann das Internet sogar zur Vorbereitung von Schulaufgaben genutzt werden.

Die Homepages der Projektpartner sind unter der Adresse http://did.mat.uni-bayreuth.de zu finden.