Begegnungen einer besonderen Art

Pythagoras trifft Thales

Wir schreiben die 50er Jahre des sechsten Jahrhunderts vor Christus. Die Städte der Küstenregion Ioniens nutzten ihre günstige Lage zwischen der griechischen und persischen Einflusssphäre, indem sie gewinnbringende Handelsbeziehungen mit beiden Seiten unterhielten. Milet hatte sich zu einer lebendigen und reichen Hafenstadt entwickelt, es war damals wohl die bedeutendste ionische Stadt überhaupt. Hier wurden nahezu alle Güter der Welt umgeschlagen: Getreide, Öl, Metalle, Papyrus, Stoffe und Wein. Milet war eine Stadt, in der die Geschäfte florierten und Wohlstand für viele herrschte, in der Menschen aus allen Teilen der Welt zusammenkamen, in der Neuigkeiten und Informationen ausgetauscht wurden. Eine solche Stadt bietet ideale Voraussetzungen als Brutstätte neuer Ideen und Lehren, da die Menschen in ihr weltoffen und neugierig sind.

In den engen, rechtwinklig verlaufenden Gassen Milets -- der Stadtplan erinnert uns beinahe an Manhattan -- bahnen sich zwei Männer mühsam ihren Weg durch das Gedränge. Der ältere der beiden wird öfters von Passanten freundlich gegrüßt und wechselt ein paar Worte mit ihnen. Man kennt und schätzt eben Thales in seiner Heimatstadt. Sein Begleiter ist wesentlich jünger und kam erst vor einigen Tagen von der nahen Insel Samos, um für einige Wochen bei ihm zu studieren. Nachdem sie den Stadtkern durchquert haben, steigen die beiden den Hügel Kebalak Tepe hinaus genießen von dort oben den Blick auf die Stadt, die auf einer Landzunge in das Meer hinausragt.

Ein Schiff vor der Küste erregt ihre Aufmerksamkeit. Thales fragt seinen jungen Begleiter, der sich übrigens Pythagoras nennt, ob er ihm eine Möglichkeit beschreiben könne, mit der sich die Entfernung des Schiffes von der Küste bestimmen lässt. Da Pythagoras nicht sogleich antwortet, zeichnet Thales eine Figur mit seinem Stock in den Staub und beginnt eine Geometrielektion [...]

Der alte Thales gemeinsam mit seinem jungen Schüler Pythagoras auf dem Hügel Kebalak Tepe oberhalb Milets -- eine wirklich schöne Legende, aber mehr auch nicht! Ein Zusammentreffen der beiden Urväter der antiken Geometrie wäre aufgrund der geographischen Nähe -- Samos liegt etwa 90 Kilometer nordwestlich von Milet -- und der überlappenden Lebensdaten -- ca. 624 - ca. 546 bzw. ca. 580 - ca. 500 -- durchaus denkbar, doch es gibt keinerlei Belege oder auch nur kleinste Hinweise dafür. Unsere Geschichte handelt somit von einer fiktiven Begegnung, eben einer Begegnung der besonderen Art.

Während Pythagoras von seinen Zeitgenossen und von seinen griechischen Nachfahren nicht immer mit Lob bedacht wurde, Heraklit von Ephesos (ca. 540 - ca. 480 v.Chr.) unterstellt ihm gar ``Vielwisserei ohne Verstand'', hört man über Thales überwiegend sehr viel Positives. Noch im 2. Jahrhundert nach Christus preist der Dichter Apuelios seine wissenschaftlichen Leistungen:
``Thales von Milet, gewiß der größte unter jenen sieben überlieferten Männern der Weisheit (war er doch bei den Griechen der erste Erforscher der Geometrie und ein äußert zuverlässiger Betrachter der Natur und der Sterne) hat die größten Dinge in kurzen Zeilen erforscht: den Kreislauf der Jahreszeiten, das Wehen der Winde, den Gang der Sterne, das tönende Wunder des Donners, die gekrümmten Bahnen der Gestirne, die jährlichen Sonnenwenden, ebenso das Wachsen des neuen Mondes und die Abnahme des alternden sowie das Verschwinden es dahingehenden Mondes. Ebenso hat er, bereits in hohem Alter, ein göttliches Zahlenverhältnis bei der Sonne beschrieben, welches ich nicht nur gehört, sondern auch durch eigene Beobachtung bestätigt habe, nämlich: wie oft die Sonne mit ihrer Größe den Kreis, den sie durchläuft, mißt [gemeint ist das Zahlenverhältnis 1:720].''

Dass Thales der größte unter den Sieben Weisen war, dürfen wir Apuelios getrost glauben, denn es gibt etliche Listen mit Namen der Weisen, die allerdings nicht übereinstimmen. Bei deren Durchsicht kommt man insgesamt auf 17 Weise. Aber Thales schlägt die gesamte Konkurrenz, denn er steht auf jeder der Listen.

Wie nicht anders zu erwarten, ranken sich um Thales eine Vielzahl von Anekdoten. Auf die Frage, warum er keine Kinder habe, entschuldigte er sich mit den Worten: ``Aus Liebe zu den Kindern.'' Seine Mutter wollte ihm unbedingt eine Braut suchen. Er wehrte sich jahrelang dagegen mit der Bemerkung: ``Noch ist es Zeit.'' Schließlich konnte er später antworten: ``Nun ist die Zeit dazu vorüber.'' Platon schildert ihn als einen etwas vertrottelten -- oder vornehmer ausgedrückt -- als zerstreuten Gelehrten, weil er beim Sternengucken einen Brunnen nicht bemerkte und unter dem Gespött einer Sklavin prompt hineinfiel. Als gerissenen Geschäftsmann stellt ihn dagegen Aristoteles dar. Aufgrund nicht näher geschilderter astronomischer Beobachtungen sah Thales eine gute Olivenernte voraus. Bereits im Winter zuvor mietete er daher alle Ölpressen in der Stadt und Umgebung für billiges Geld, um diese dann in der Erntezeit zu Höchstpreisen zu verleihen. Diese Aktion diente ihm zum Beweis, dass ein Philosoph jeder Zeit reich werden könne, wenn er nur wolle.

Im Unterschied zu den historisch umstrittenen Reisen des Pythagoras nach Ägypten und Babylonien, werden Aufenthalte des Thales in diesen Ländern nicht angezweifelt. Er brach zu seiner Wissenschaftsreise auf, als er das Alter der Vernunft erreicht hatte. Für einen Weisen dürften dies sicherlich die Jugendjahre gewesen sein. Bei den Priestern in der Fremde lernte er alles, was man damals über Himmelskunde, Mathematik und Navigationslehre wusste. Mit den dort erworbenen Kenntnissen gelang ihm im Jahr 585 v.Chr. eine großartige Leistung, die seinen Ruf als herausragenden Wissenschaftler bei seinen Zeitgenossen begründete. Er sagte eine Sonnenfinsternis voraus -- und die trat auch tatsächlich ein. Sein Ansehen stieg ins Unermeßliche. Natürlich stand ihm dabei das Glück des Tüchtigen zur Seite. Aufgrund der Beobachtungen der chaldäischen Priester konnte man auf die Periodizität der Verfinsterungen schließen und damit das ungefähre Datum der nächsten Verfinsterung vorausberechnen. Aber man konnte nicht sicher sein, dass man sie in Milet auch sieht. Der Erfolg war grantios, sein vorhergesagtes Datum stimmte und die Finsternis war total.

Thales wurde sehr alt. Mit einem Epigramm beschreibt Diogenes Laertios seinen Tod:
``Aus der Bahn entriss den Weisen der große Kronide
Da er den gymnischen Kampf der Hellenen ansah.
Ihm den Sternen zu nähern, die sein hochstrebendes Auge
Von der Erde nicht mehr sah am hohen Olymp.''

Thales starb an Altersschwäche, Hitze und Durst inmitten von Menschenmassen in einem Stadion, wo er einem sportlichen Wettkampf zusah. Man ist versucht zu sagen: Typisch für die Sportbegeisterung der Hellenen, die ohne ihre ``ewige Turnerei'' (Jakob Burckhardt) nicht leben -- und nicht sterben konnten.